Tage Alter Musik – Programmheft 2025

Tage alTer Musik regensburg konzert 15 Die follia oder folia (italienisch für Wahnsinn, aber auch spinnereien) ist tatsächlich ein grundthema seit dem 16. Jahrhundert und wurde im 17. und 18 Jahrhundert besonders populär. Die wichtigsten komponisten dieser zeit schrieben eine eigene Variation der Folia, so dass das exzentrische der affekte und effekte den titel ihrer Werke rechtfertigen kann. Dies ist der Fall beim Concerto grosso von Francesco geminiani, das ein arrangement auf der grundlage der zuerst 1700 veröffentlichten Folia von arcangelo Corelli war, der vielleicht berühmtesten Folia in der Musikgeschichte. in der Version geminianis liefern sich zwei solo-Violinen und ein Cello in einem intensiven Dialog eine Verfolgungsjagd mit einem ganzen orchester. Das thema folia ist auch in der kurzen sinfonia aus der oper Der lächerliche Prinz Jodelet von reinhard keiser, der georg Friedrich Händel als lehrer stark beeinflusst hat, präsent. Diese oper wurde 1726 in Hamburg uraufgeführt und ist ein satirisches Pasticcio, in dem ein snobistischer Prinz gehörig durch den kakao gezogen wird. Der spott wird in der Musik wunderbar nachgezeichnet. andere Werke dieser zeit beschreiben wieder andere menschliche Pathologien, wie z.b. Jan Dismas zelenkas Hypochondrie, die mit einem abrupten Wechsel zwischen Dur- und Molltonarten sowie dem unheimlichen Hämmern des Fugenthemas und dem wehleidigen lamentieren der Violinen veranschaulicht wird. in seinem L’inquietudine (Die ruhelosigkeit) betitelten Violinkonzert zeigt antonio Vivaldi klarer denn je sein exzentrisches und ruheloses Reinhard Keiser: Der lächerliche Prinz Jodelet, Titelblatt des Librettos VIer FraGen an … alfredo bernardini Oboe Zefiro 1. Welche erinnerung haben sie an Ihre erste begegnung mit den TaGen aLTer mUsIK regensburg und was verbinden sie mit dem Festival? Das erste Mal, dass ich bei den tagen alter Musik in regensburg spielte, war 1985, als Mitglied des european union barockorchesters im ersten Jahr seines bestehens. es war der brillante beginn eines neuen lebens, mit dem aufregenden zusammentreffen der anfänge dieses orchesters und dieses innovativen und entdeckungsorientierten Festivals. ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich bis heute, 40 Jahre später, so oft beim gleichen Festival sein würde, in der gleichen stadt, mit den gleichen Veranstaltern und oft auch den gleichen kollegen, aber vor allem mit der gleichen begeisterung! 2. Um jemanden für das „abenteuer“ alte musik zu begeistern, was raten sie ihr/ ihm? Gibt es zum beispiel ein musikstück, das er/sie unbedingt hören sollte? Die liste ist endlos, aber ich schlage spontan zelenkas „Hipochondrie“ vor, eine sehr rhythmische französische ouvertüre, die mit ihrer abfolge verschiedener affekte einen schnellen Wechsel kontrastierender emotionen gut darstellt. es ist eines der stücke, das uns zeigt, wie aktuell diese Musik ist und überhaupt nicht „alt“. 3. Welches musikstück/welcher Komponist der alten musik findet Ihrer meinung nach im Konzertleben zu wenig beachtung („Geheimtipp“)? es gibt sicherlich noch viele schönheiten zu entdecken. beispielsweise die oper von reinhard keiser aus Hamburg, dem großen Vordenker Händels, oder die Musik von Johann Josef Fux, 40 Jahre lang der Wiener kaiser, der heute als Pädagoge aufgrund seiner bedeutenden kompositionslehre „gradus ad Parnassum“ in erinnerung bleibt, in Wahrheit ein kreativer und geistreicher Musiker. Von telemann ist noch viel unbekannt, aber meiner Meinung nach könnten wir uns noch mehr bach-kantaten anhören, jede ein Juwel, aber alle überstrahlt von seinen Passionen und oratorien. es ist verständlich, dass man instinktiv Musik hören möchte, die bereits bekannt ist, aber ich schätze es wirklich, wenn Festivals den Mut haben, würdige Musik vorzuschlagen, die wenig oder gar nicht bekannt ist. aus der klassik können wir noch georg Druschetzky nennen, der 1800 nach budapest kam, mit originellen und ungewöhnlichen kompositionsideen, und dann noch Josef Wölfl, louis Massonneau, theodor von schacht usw. usw. usw. 4. Wie sehen sie die zukunft der alten musik im Konzertleben der nächsten 10 Jahre? ich beobachte, dass in diesen zeiten die sorge um die zukunft der alten Musik weit verbreitet ist, auch weil das innovative element, das zu beginn vorhanden war, wie in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, offenbar nachgelassen hat. Dies führt oft dazu, dass Musiker Projekte und Programme mit innovativen ideen in angriff nehmen, manchmal erfolgreich, manchmal nicht wirklich. tatsächlich gibt es immer noch repertoires, Praktiken und aspekte der historischen aufführungspraxis, die es zu entdecken gilt. Vor allem aber ruft die alte Musik, für die wir so leidenschaftlich sind, die unterschiedlichsten menschlichen emotionen hervor, spricht direkt das Herz an und ist in diesem sinne immergrün. ich bin zuversichtlich, dass diese Musik relevant und wunderbar bleiben wird, solange die Menschheit in der lage ist, emotional zu werden. es besteht also kein grund zur sorge. lassen wir uns daher unsere Mission und die Verbreitung dieses Wunders der zivilisation friedlich fortsetzen! Foto: Hanno Meier, 2016 121

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