Tage Alter Musik – Programmheft 2025

er gründete le Concert spirituel im Jahr 1987 mit dem ziel, die große französische Motette wiederzubeleben. innerhalb von 35 Jahren hat sich das ensemble als referenz für die aufführung des barockrepertoires etabliert und bekannte wie unbekannte Werke französischer, englischer sowie italienischer komponisten dieser epoche wiederentdeckt. in diesem sinne und unter der Prämisse, dass es nur eine französische Musik ohne brüche über die Jahrhunderte hinweg gibt, dirigiert Hervé niquet die großen internationalen orchester, mit denen er das repertoire des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erkundet, wie das orchestre symphonique de Montréal, das kanazawa orchestra (Japan), die sinfonia Varsovia, das Münchner rundfunkorchester, das orchestre royal Philharmonique de liège und viele andere. sein Pioniergeist bei der Wiederentdeckung von Werken aus dieser zeit führte dazu, dass er 2009 an der gründung des Palazzetto bru zane-zentrums für französische romantische Musik in Venedig beteiligt war, mit dem er zahlreiche Projekte durchführt. auf der opernbühne arbeitet er mit regisseuren so unterschiedlicher Ästhetik wie Mariame Clément, georges lavaudant, gilles und Corinne benizio (alias shirley und Dino), Vincent tavernier u.a. zusammen. als Musikdirektor des Chors des Flämischen rundfunks und erster gastdirigent des brussels Philharmonic von 2011 bis 2019 war Hervé niquet an der diskographischen sammlung der Prix-de-rome-kantaten unter der schirmherrschaft des Palazzetto bru zane sowie an bisher unveröffentlichten opern beteiligt. im september 2022 wurde Hervé niquet für zwei spielzeiten zum künstlerischen leiter des Festivals von saintes ernannt. seine arbeit umfasst auch ein großes persönliches engagement in der Weiterbildung junger Musiker (académie d’ambronay, Jeune orchestre de l’abbaye aux Dames oder mit der abteilung für alte Musik des CnsMD Paris) oder durch zahlreiche Meisterklassen und symposien. Die Früchte seiner arbeit über die interpretation, die eigenarten der jeweiligen epoche und die neuesten musikwissenschaftlichen entdeckungen, aber auch über die anforderungen des Musikerberufs weiterzugeben, ist für ihn von wesentlicher bedeutung. zum programm: extravaganzen in der renaissance und im barock Italiens Florenz im Klangrausch neuschöpfung eines Johannesoffiziums aus Florenz am 21. august 1561 schrieb der komponist alessandro striggio, der in Diensten des Hofes von Florenz stand, an den Herzog von Mantua, guglielmo gonzaga: „ich habe soeben eine vierzigstimmige Musik auf texte komponiert, die zu ehren ihrer Hochzeit geschrieben wurden. so etwas für eine so große zahl ist bis heute noch nie gehört worden“. einen Monat zuvor hatte ein sänger des Herzogs von Florenz in seinem tagebuch festgehalten, dass kardinal ippolito d’este bei seinem besuch mit einem „Madrigal für 40 stimmen, komponiert von alessandro striggio, einem Musiker im Dienste des Prinzen Francesco“ empfangen worden war. er fügte hinzu, dass das Werk als sehr schön angesehen wurde. sieben Jahre später schließlich, bei der Hochzeit des Herzogs von bayern, berichten zeugen, dass eine 40-stimmige Motette von striggio mit so großem erfolg aufgeführt wurde, dass sie dreimal hintereinander gespielt wurde. Diese drei zeugenaussagen offenbaren einen komponisten, der bis heute der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist, obwohl er sich mit diesen außergewöhnlichen Werken einen europaweiten ruf erarbeitet hatte. alessandro striggio (1537–1592), ein Musiker aus dem mantuanischen adel, wurde ende 1558 von Herzog Cosimo de’ Medici eingestellt und war speziell für den kronprinzen Francesco de’ Medici, den sohn von Herzog Cosimo i., zuständig. seine virtuosen Fähigkeiten auf der Viola da gamba und der lira da braccio waren ebenso bemerkenswert wie seine Fähigkeit, Werke von Tage alTer Musik regensburg konzert 16 VIer FraGen an … hervé niquet Le Concert Spirituel 1. Welche erinnerung haben sie an Ihre erste begegnung mit den TaGen aLTer mUsIK regensburg und was verbinden sie mit dem Festival? ich habe regensburg als eine wunderschöne alte und geschichtsträchtige stadt in erinnerung – mit sehr guten restaurants, was ja auch kein nachteil ist. Das Purcell-konzert, das ich 2014 mit le Concert spirituel in der Dreieinigkeitskirche gab, war für uns künstler einfach angenehm, weil sowohl die akustik als auch das Publikum großartig waren. somit erinnere ich mich an zwei genussvolle tage in bayern und freue mich schon auf die nächsten tage alter Musik in regensburg. 2. Um jemanden für das „abenteuer“ alte musik zu begeistern, was raten sie ihr/ ihm? Gibt es zum beispiel ein musikstück, das er/sie unbedingt hören sollte? um sich in das abenteuer alte Musik zu stürzen, würde ich vorschlagen, mit orchestermusik, den sinfonien zu beginnen und sich erst dann an Concerti oder opern – etwa eine „tragédie en musique“ – zu wagen. Meiner erfahrung nach schrecken diese nämlich eher etwas ab. Meine lieblingskomponisten für instrumentalmusik sind Vivaldi, telemann, bach, Händel und – vergessen wir ja nicht die Franzosen! - die ballettsuiten von rameau. 3. Welches musikstück/welcher Komponist der alten musik findet Ihrer meinung nach im Konzertleben zu wenig beachtung („Geheimtipp“)? Mein geheimtipp wird wahrscheinlich niemanden überraschen, doch leider ist das französische repertoire bei den Produzenten außerhalb Frankreichs „gefürchtet“. es ist wirklich an der zeit, dass komponisten wie M.-a. Charpentier, a. Campra, H. Desmarest oder J.-J. Mouret öfter aufgeführt werden. letzteren kennen nur wenige Musikliebhaber, doch ist es seine Musik wirklich wert, gehört zu werden. 4. Wie sehen sie die zukunft der alten musik im Konzertleben der nächsten 10 Jahre? Die neue generation von Musikern und ensembles ist reich an ideen und talenten. ganz ohne zweifel werden sie in den kommenden Jahren das Feuer am brennen halten, und ich bin gespannt, was sie noch so alles entdecken werden. Foto: Hanno Meier, 2014 127

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