Tage alTer Musik regensburg Juni 2025 Dirigieren in der heutigen interpretierenden ausprägung erst weit nach 1800 üblich wurde (und die Dominanz der regie nochmals 100 Jahre später), wird dabei nicht weiter kritisch hinterfragt. aus diesem groben Panorama wird bereits ersichtlich: Den einen und einzigen standort der alten Musik gibt es nicht, sondern viele verschiedene, je nach musikalischer Herkunft, marktpolitischer ausrichtung und künstlerischer zielsetzung. und dies könnte auch schon das Fazit sein: alte Musik ist heute in fast alle bereiche des «klassischen» Musiklebens vorgedrungen und hinterlässt mit unterschiedlichen intentionen unterschiedliche spuren. zugleich ist diese Feststellung aber ein Problem, denn man könnte mit recht fragen: was ist dann eigentlich der kern der alten Musik? Voraussetzungen an dieser stelle hilft vielleicht nochmals, in fahrlässiger Verkürzung, ein blick in die geschichte. unter den heute etablierten begriffen «Historische aufführungspraxis»/«Historisch informierte aufführungspraxis» (englisch abgekürzt: HiP)/«Historische Musikpraxis», um nur die gängigsten labels zu nennen, werden aktivitäten verstanden, die Musik der Vergangenheit aus den bedingungen ihrer entstehungszeit heraus in einem dialogischen Verfahren zu befragen und in der gegenwart aufzuführen. Das ist ein forschungsintensiver Prozess, bei dem die Musikwissenschaft seit den großen bach-, Händel- und schütz-ausgaben des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Partner geworden ist. Das gesamte repertoire der alten Musik erstreckt sich mittlerweile über einen zeitraum von etwa 1000 Jahren, vom frühen Mittelalter mit den Dichter-komponisten des 9. Jahrhunderts aus st. gallen und der reichenau bis zur romantischen Musik um ca. 1850 und nicht selten darüber hinaus, man denke an Wagner mit historischen instrumenten, oder noch weiter in die Vergangenheit zurück, wie z.b. mit einer historisch fundierten re-imagination griechisch-antiker Musik. Die geschichte der alten Musik im engeren sinn beginnt jedoch erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als das ältere repertoire nicht mehr in einem «aktualisierenden Modus» rezipiert wurde, der eine bewusste anpassung an die klangvorstellungen der jeweiligen gegenwart erforderlich machte, sondern ein «historisch-rekonstruktiver Modus» leitend wird, der sich schon seit den 1830er Jahren beobachten lässt (begrifflichkeit nach Dahlhaus 1980). Die Protagonisten des frühen 20. Jahrhunderts wollten sich zudem vom «epigonentum der spätromantik» absetzen (so die gründer:innen der schola Cantorum basiliensis ende der 1920er Jahre) und zeigten damit auch berührungspunkte mit den Jugendbewegungen der zeit um und nach 1900. Diese kritische Widerständigkeit gegenüber eingeschliffenen Produktions-, aufführungs- und rezeptionsgewohnheiten, verbunden mit historischer informiertheit und der neugier auf bisher ungehörtes repertoire und neue klanglichkeiten, gehört zur Dna der alten Musik und zeichnet sie in ihren besten Momenten auch heute noch aus. Wichtige katalysatoren für die entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert waren funktionslos gewordene alte instrumente, die von amateuren und Professionellen wieder gesammelt, gespielt und nachgebaut wurden (Cembalo, laute, gambe, blockflöte etc.). sie sind, erweitert mit den historischen bauformen ‘moderner’ instrumente, bis heute das äußerliche erkennungsmerkmal der alte Musik-bewegung geblieben, als anregende Wegweiser zur erforschung historischer klangwelten. schwieriger ist die lage beim gesang, der nicht auf historische kehlköpfe zurückgreifen kann, doch auch hier nähert man sich unterdessen historischen Perspektiven an. bei alledem ist den beteiligten bewusst, dass eine heutige aufführung älterer Musik weder original, noch authentisch, noch historisch «richtig» sein kann – obwohl Marketingverantwortliche diese begriffe leider immer noch bedenkenlos verwenden. Dennoch handelt es sich nicht um bloße Fiktion, sondern die künstlerischen entscheidungen sollten auf dem Fundament von solidem historischemWissen, informierter intuition und aufführungspraktischer erfahrung getroffen werden – von der (inzwischen) selbstverständlichen technischen Meisterschaft auf dem instrument oder beim singen nicht zu reden. Die lesarten dieser Voraussetzungen verändern sich jedoch von generation zu generation, und so verändert sich auch die alte Musik selbst unablässig und blickt nun auf eine eigene geschichte von circa 200 Jahren zurück, die sie ebenso beeinflusst wie alles darum herum. unausweichlich ist damit jede aufführung ebenso ein spiegel der gegenwart wie der Vergangenheit. Die zeitgenossenschaft lässt sich nicht abschütteln, weder bei den ausführenden Musiker:innen noch beim Publikum. Mit dieser einsicht ist alte Musik ein teil des zeitgenössischen Musikschaffens. ausbildung Mittlerweile ist alte Musik auch tief in die musikalische berufsausbildung integriert, mit spezialisierten instituten in basel, genf, Den Haag, lyon, bremen, indiana/il und andernorts sowie mit abteilungen oder einzelnen klassen an zahlreichen MusikhochThomas Drescher ist seit seiner schulzeit im gymnasium der benediktinerabtei niederalteich in der alten Musik aktiv. nach dem studium der germanistik und Musikwissenschaft in München und basel begann er 1989 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der schola Cantorum basiliensis (Musikakademie basel/Fachhochschule nordwestschweiz), 2015-2022 leitete er das institut. er hat darüber hinaus ca. 50 CDs bei renommierten labels produziert und war über Jahrzehnte als Vorstandsmitglied und künstlerischer leiter einer konzertreihe für alte Musik tätig. in diesen Funktionen hat er erfahren, dass die ansprüche aus Forschung und ausbildung und die realitäten des konzertbetriebs und der Medien zwei sehr unterschiedliche Dinge sein können. Foto: susanna Drescher 13
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