Tage Alter Musik – Programmheft 2025

Tage alTer Musik regensburg Juni 2025 schulen. in der Musik vor 1800 waren die ausführenden durch reiche Diminutionen/Verzierungen und improvisatorische anteile wesentlich stärker am musikalischen resultat beteiligt, als es heute üblich ist (am ehesten begegnet einem die alte Praxis noch im Jazz). in der spezialisierten ausbildung werden diese kreativen elemente, basierend auf historischen Vorbildern/informationen, daher zunehmend stärker entwickelt, wie z.b. im historisch differenzierten generalbassspiel, mit historisch informierter improvisation und Verzierungskunst, Contrapunto alla mente, komposition und auch durch historische schauspieltechniken für sänger:innen. nur nebenbei sei erwähnt, dass für diese neuen Fähigkeiten die praxisbezogene notationskunde (spielen/singen aus dem originalen notenmaterial) und, von basel ausgehend, vor allem die «Historische satzlehre» große Wirkung erzielt haben, indem sie einen völlig neuen zugang zu den kompositorischen schichten des älteren repertoires ermöglichen. Damit hängt zusammen, dass immer mehr neue Musik im alten stil komponiert wird, die über eine reine stilkopie hinaus künstlerischen eigenwert beansprucht. und es gibt inzwischen konzertformate, in denen mit unterhaltsamer beteiligung des Publikums ausschließlich historisch informierte improvisation präsentiert wird. markt und medien als «Performing art» ist die alte Musik stark an die sozio-ökonomischen bedingungen ihrer zeit gebunden, in der Vergangenheit wie in der gegenwart. im aktuellen konzertbetrieb folgt sie bislang meist auftrittsformaten, die sich erst um die Mitte des 19. Jahrhundert im bürgerlichen konzert verfestigt haben. Damit verändert sich die aufführung sowie die ästhetische und gesellschaftliche Wahrnehmung weiter teile des älteren repertoires fundamental, denn dieses wurde ursprünglich vor allem für exklusive adelige oder bürgerliche gesellschaften entworfen und meist im kleinen kreis aufgeführt, oder es war funktional in die kirchliche liturgie bzw. in repräsentative weltliche Veranstaltungen eingebettet. Die Musiker:innen der alte Musik-bewegung mussten und müssen sich ohne diese historischen rahmenbedingungen ihre existenz in der Ökonomie der künste des 20. und 21. Jahrhunderts immer wieder neu erkämpfen, wobei kompetenzen in der selbstvermarktung heute fast ebenso wichtig sind wie das musikalische Handwerk selbst, denn feste anstellungsverhältnisse in orchestern und Chören existieren kaum. in ihrer zweiten großen expansionsphase ab den 1970er Jahren, zu der auch die taM zählen, hat sich die alte Musik vor allem durch den tonträgermarkt und im radio gehör verschafft und ist von dort aus mehr und mehr in den etablierten Musikbetrieb vorgedrungen. es ist daher sicher kein zufall, dass das organisationsteam des regensburger Festivals seine aktivitäten 1985 fast zeitgleich mit der Herausgabe einer zeitschrift für alte Musik begonnen hat («toccata – alte Musik aktuell», 2022 eingestellt), in der vor allem CD-rezensionen und kontextinformationen erschienen sind. Dies waren goldene zeiten! Heute werden die rundfunkanstalten im bereich der «klassik» immer mehr zurückgebunden und die CD ist ein mediales Fossil geworden, abgelöst von zahlreichen streaming-Portalen, die für den Pop entwickelt wurden. Die alte Musik verliert damit viel von ihrer Wahrnehmbarkeit, weil sie im Dickicht der digitalen kataloge nicht mehr sicher auffindbar ist, denn verlässlich verschlagwortete Metadaten stehen meist nicht zur Verfügung. ausgefeilte CD-Programme zerfallen somit in lange listen von «songs», und die sorgfältig redigierten booklets, die für den Dialog mit den Hörer:innen so wichtig waren, sind, wenn sie überhaupt noch als PDF mitgeliefert werden, kaum mehr wahrnehmbar. chancen Diese krisenhafte situation eröffnet aber Chancen, denn auch die akteure der alten Musik erkennen inzwischen die Vorteile der digitalen Plattformen. Videomittschnitte beispielsweise vermitteln den eindruck einer einmaligen, spontanen aufführungssituation viel besser als aufwändig produzierte CDs. Man kann alternativen zu den eigentlich unhistorischen konzertformaten entwickeln oder zu der vorgegebenen länge einer CD von ca. 50 bis 70 Minuten, die nicht zufällig einer konzertlänge entspricht. Podcasts und Vlogs können booklets ersetzen und klangliche Präsentationen begleiten. Das tor zur digitalen Vermittlung kreativer, aus demMoment heraus geschaffener inhalte, wie sie gerade der alten Musik entsprechen, oder auch von entlegenem repertoire für ein spezielles Publikum von Connoisseurs, steht damit offener denn je und kann auch den konzertbetrieb befruchten. Dies wäre ein Plädoyer für aufführungen in funktionalem zusammenhang (z. b. kirchenmusik in der liturgie, kammermusik im Café) sowie für neue inhalte wie improvisation und kompositionen im alten stil. Markt und Medien befinden sich wieder einmal im umbruch, doch für die alte Musik bleibt es bei dem stimulierenden Paradox, die Vergangenheit stets neu zu befragen und in eine sich wandelnde zukunft zu führen. Die tage alter Musik regensburg haben sich auf sympathisch unaufgeregte Weise diesem Credo verschrieben und können eine wichtige Plattform für trends und experimente sein. Die einzigartigen historischen spielstätten der stadt bieten dafür exzellente Voraussetzungen. Den Verantwortlichen ist zu wünschen, dass die rahmenbedingen erhalten bleiben oder sogar verbessert werden, um eine Übergabe an die nächste generation zu sichern, damit das wertvolle regensburger Festival weitere Jahrzehnte für die entwicklung und Verbreitung der alten Musik glänzen kann. ausgewählte Literatur: Forschungsportal der schola Cantorum basiliensis: https://www.forschung.schola-cantorum-basiliensis.ch/de.html Carl Dahlhaus, Die Musik des 19. Jahrhunderts, laaber: laaber-Verlag 1980 (neues Handbuch der Musikwissenschaft, bd. 6) Peter reidemeister, Historische aufführungspraxis. eine einführung, Darmstadt: Wissenschaftliche buchgesellschaft 1988 u.ö. John butt, Playing with History, Cambridge: Cambridge university Press 2002 Musica antiqua revisited: on the future of the past (an exchange of letters between sigiswald kuijken and björn schmelzer 2009); online: http://www.goldbergstiftung.org/file/mar2009_eng.pdf reinhard kapp, «zeitgenossenschaft und historisches bewusstsein», in: thomas ertelt und Heinz von loesch (Hgg.), geschichte der musikalischen interpretation im 19. und 20. Jahrhundert, bd. 1: Ästhetik – ideen, kassel und berlin: bärenreiter – Metzler 2018, 257-292 richard lorber (Hg.), alte Musik heute, kassel: bärenreiter 2023 Florence gétreau (Hg.), le son des musiques anciennes (1880-1980) : imaginer, fabriquer, partager, rennes: Presses universitaires de rennes 2024 15

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