Tage Alter Musik – Programmheft 2025

Tage alTer Musik regensburg konzert 7 zum programm: palestrina 500 – a cappella Musica, Dei donum optimi, trahit homines, trahit deos. Musica truces mollit animos tristesque mentes erigit. Musica vel ipsas arbores et horridas movet feras. Dieses epigrammatische Musiklob vertonte orlando di lasso in seinen Cantiones sacrae sex vocum (graz, 1594), kurz vor seinem tod. in der Widmung an den augsburger Fürstbischof Johann otto von gemmingen (1545–1598) blickt lasso geradezu melancholisch und reflektierend auf sein gesamtes schaffen zurück: im Vergleich zu seinen früheren Werken seien die späten Motetten in der lage, sowohl den geist als auch die ohren beständiger zu erfreuen („mentemque et aures solidius oblectare“). auch auf die bedeutung und (anziehungs)kraft von Musik generell geht er ein. Dazu passt, dass gegen ende der sammlung Musica, Dei donum optimi erscheint. Der text des anonymen jambischen gedichts wurde im 16. Jahrhundert mehrfach vertont, etwa von tielman susato, Clemens non Papa und Jacobus Vaet; lasso steht zeitlich am ende dieser tradition. Der Dichter greift einerseits antike themen auf, indem er – mit einem impliziten, aber nicht zu überhörenden Hinweis auf orpheus – im letzten Vers schreibt, Musik könne bäume bewegen und wilde tiere berühren. andererseits wird dies mit gedanken zur emotionalen Wirkmächtigkeit von Musik verbunden, wie sie immer wieder in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen kontexten vorkommen: so sei etwa Musik in der lage, die wilden gemüter zu besänftigen und die traurigen geister aufzurichten. lasso hebt die dreiteilige struktur des gedichts hervor, indem er das zentrale Wort „musica“, mit dem jeder Vers beginnt, jeweils mit einem ähnlichen soggetto versieht, es aber in unterschiedliche kontrapunktische kontexte einbettet. aus einemmotivischen grundgedanken lässt lasso eine Vielfalt an Möglichkeiten entstehen – genauso wie Musik in den Hörenden eine Palette an Wirkungen entfalten kann. nur wenige Monate vor lasso starb mit giovanni Pierluigi da Palestrina ein weiterer stern der renaissancepolyphonie. Das Herzstück des heutigen konzerts bilden ausgewählte Werke Palestrinas, dessen 500. geburtsjahr wir 2025 feiern. Fast das gesamte Œuvre dieses komponisten, der den größten teil seiner karriere an römischen institutionen verbrachte, ist geistlicher natur. Das sechsstimmige Viri Galilaei für das Fest Christi Himmelfahrt erschien 1569 in Palestrinas Liber primus […] mottettorum, quae partim quinis, partim senis, partim septenis vocibus concinantur. Die Motette (im gegensatz zur gregorianischen Melodie im dorischen Modus) hat eine bemerkenswerte klangregie, bei der Palestrina zwischen akkordischen und imitierenden Passagen, rhythmisch lebhaften (z. b. „alleluia“ und „iubilatione“) und langsameren Momenten abwechselt und die stimmen in immer wieder neuen kombinationen auftreten und kontrastieren lässt. Viele von diesenaspekten werden auch in Palestrinas gleichnamiger Messe übernommen, wobei hier vielmehr die ausarbeitung der kontrapunktischen Möglichkeiten im Mittelpunkt steht. Die Missa Viri Galilaei kursierte zwar zu Palestrinas lebzeiten in mehreren Handschriften, wurde jedoch erst postum (im Jahr 1601) gedruckt. giuseppe baini, von dem die erste Darstellung von leben und Werk Palestrinas (Memorie storico-critiche della vita e delle opere di Giovanni Pierluigi da Palestrina, rom 1828) stammt, bezeichnet die Messe als „sublimemente bella”. es ist für die zuhörer:innen fast wie eine rätselaufgabe, die Vorlage und die Messe miteinander zu vergleichen und zu untersuchen, wo, wie und warum Palestrina das original in den teilen des ordinariums verarbeitet. es ergeben sich nicht selten geradezu exegetiNigel Short, Leiter des Tenebrae Choir Foto: sim Canetty-Clarke Giovanni Pierluigi da Palestrina, Lithographie (1828) von Henri-Joseph Hesse (1781-1849) 67

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