es ist die einzige im heutigen konzert erklingende komposition Palestrinas, die nicht zu seinen lebzeiten im Druck erschienen ist, sondern in einer Handschrift der biblioteca apostolica Vaticana (mit der signatur Cappella sistina 29) aus dem späten 16. Jahrhundert überliefert ist. Die erste gedruckte edition veröffentlichte der englische Musikhistoriker und -publizist Charles burney im Jahr 1771, als teil der sammlung La musica che si canta annualmente nelle funzioni della Settimana Santa nella Capella Pontificia. auch in Deutschland, Frankreich und italien erschienen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts mehrere editionen. erwähnenswert ist nicht zuletzt eine mit zahlreichen dynamischen angaben gespickte (und deshalb später von Franz Xaver Haberl kritisierte) bearbeitung, die richard Wagner für ein konzert in Dresden im Jahr 1848 anfertigte und die 30 Jahre später auf empfehlung von Franz liszt veröffentlicht wurde. Wagner begründete seine eingriffe mit demargument, er habe versucht, die „alte Vortragsweise, durch welche bekanntlich auch dies wundervolle Werk in der karwoche zu rom dereinst so wunderbar ergreifende Wirkung hervorgebracht haben soll, […] nach meinem besten ermessen nachzuholen“. er betrachtete das Werk gar als spirituelle offenbarung, als essenz von religion. Passend zur stilistik der karwoche ist das doppelchörige Stabat mater durch eine schlichte, weitgehend homophone textur gekennzeichnet. an bestimmten stellen kommen beide Chöre zusammen (beispielsweise bei „o quam tristis et afflicta“), manchmal findet ein schneller Wechsel zwischen beiden statt, der nicht selten durch die satzstruktur motiviert ist (etwa bei „quae moerebat“ – „et dolebat“ – „et tremebat“). bei „eia mater, fons amoris“ wechselt Palestrina zu einem Dreiermetrum; kurz danach (ab „iuxta crucem tecum stare“) gibt er die strikte trennung der beiden Chöre auf und lässt die stimmen in unterschiedlichen konstellationen auftreten. ab „inflammatus et accensus“ wird der Wechsel wieder strikt gehandhabt, um ganz am ende – bei „paradisi gloria“ – klimaktisch in die volle achtstimmigkeit zu münden. auch die beiden Motetten Ad te levavi und Christus factus est von Felice anerio (um 1560–1614), der als sängerknabe am Petersdom unter Palestrinas leitung angefangen hat und 1594 dessen nachfolger als komponist in der päpstlichen kapelle wurde, wurden für den gebrauch während der Fastenzeit komponiert. generell hat anerios Musik große stilistische Ähnlichkeiten mit der Palestrinas, wobei er ab dem frühen 17. Jahrhundert mit neuen techniken wie etwa dem einsatz von basso continuo zu experimentieren begann. Dazu passt gewissermaßen, dass das vierstimmige, weitgehend VIer FraGen an … nigel short Tenebrae Choir 1. Welche erinnerung haben sie an Ihre erste begegnung mit den TaGen aLTer mUsIK regensburg und was verbinden sie mit dem Festival? ich erinnere mich daran, in einem wundervollen raum (schottenkirche st. Jakob) gesungen zu haben, dessen akustik perfekt zu dem repertoire passte, das wir aufführten. auch der beifall der zuhörer am ende des konzerts war außergewöhnlich warm und enthusiastisch. Das Publikum war so aufmerksam und es schien, als hätte es jeden Moment unseres konzerts mit größter aufmerksamkeit verfolgt. ich kann kaum unseren nächsten auftritt erwarten. 2. Um jemanden für das „abenteuer“ alte musik zu begeistern, was raten sie ihr/ ihm? Gibt es zum beispiel ein musikstück, das er/sie unbedingt hören sollte? ich würde ihnen vorschlagen, Musik zu finden, die sie ganz natürlich und unmittelbar anspricht, und sich dann näher über dieses stück und seinen komponisten zu informieren. es ist immer wieder faszinierend, etwas über den Hintergrund dieser Musik zu erfahren, die vor so vielen Jahrhunderten komponiert wurde. oft stößt man dabei auf ein Detail, das interesse weckt, und dann möchte man da weiter nachforschen, um mehr über die Musik dieser epoche zu erfahren, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie bedeutsam genau dieses Detail etwa zur zeit der renaissance war. 3. Welches musikstück/welcher Komponist der alten musik findet Ihrer meinung nach im Konzertleben zu wenig beachtung („Geheimtipp“)? ich interessiere mich vor allem für die Musik englands und wundere mich darüber, wie wenig – international gesehen – die Musik von orlando gibbons wertgeschätzt wird. ich, als sänger, singe unglaublich gerne seine Hymnen, vor allem, wenn ich dabei von einem hervorragenden Violen-Consort begleitet werde. 4. Wie sehen sie die zukunft der alten musik im Konzertleben der nächsten 10 Jahre? ich denke, sie wird weiterhin florieren, und die aufführungen von professionellen Musikern, aber auch von amateuren werden zunehmen. Wir erfahren immer mehr über die Vergangenheit und die zeiten, in denen, europaweit gesehen, fast täglich ein wundervolles Musikstück geschrieben wurde, um in kirchen und kathedralen bei gottesdiensten zu erklingen. es regt die Phantasie von uns allen an, wenn wir erfahren, dass etwas, das wir kennen, schon vor Jahrhunderten gesungen wurde, und diese erkenntnis lässt fast eine persönliche beziehung zu den Musikern der Vergangenheit entstehen. Foto: Hanno Meier, 2018 CD: The Tenebrae Choir Victoria Responsorien CD: The Tenebrae Choir Allegri Miserere Tage alTer Musik regensburg Juni 2025 70
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