Tage alTer Musik regensburg Juni 2025 gerade habe ich mir den Mitschnitt des bayerischen rundfunks unseres ersten auftritts am 28. Mai 1988 aus der Minoritenkirche in regensburg anlässlich der tage alter Musik angehört, um mich andeutungsweise in die situation und atmosphäre dieses erlebnisses von vor 37 Jahren zurückzuversetzen. ludwig Hartmann und stephan schmid hatten sich mit allen Mitteln ins zeug gelegt, um die künstleragentur der DDr weichzuklopfen, akaMus (akademie für alte Musik berlin) nach regensburg zu bringen. es waren zeiten des eisernen Vorhangs! sensationell für uns, hier in dieser herrlichen stadt und in so illustrer gesellschaft auftreten zu dürfen. keiner von uns allen ahnte, was sich in den folgenden Monaten ereignen sollte. in der zeit von 1988 bis 2012 gastierten wir neun Mal in dieser Metropole der alten Musik, allerdings dann ohne den besonderen kick, Musik über eine Mauer mit stacheldraht zu lancieren, um uns hier an diesem idealen ort mit unseren jeweiligen Highlights vorzustellen. Die Freude an diesem tun war von vornherein gegeben. Das Publikum, hörtrainiert, hörbewusst und sehr, sehr dankbar. Die vielfältigen exklusiven auftrittsorte: Minoritenkirche, Dreieinigkeitskirche, reichssaal, neuhaussaal, st. emmeram. und hier gilt hervorzuheben die arbeit mit den Domspatzen und deren Domkapellmeister roland büchner. leider kam es in dieser glücklichen kombination nie zu einem konzert im Dom. ganz besonders zu würdigen gilt es aber die Veranstalter und deren Mitstreiter. Hier verdient niemand etwas – sie verdienten alles! sie nehmen gerne unsere Dankbarkeit, Freude an der Musik, genießen die hochgestimmte atmosphäre während der Festivaltage intensivsten austausches zwischen Musikern und gästen – aber sie nehmen kein geld! Das passt in keine zeit. ehrenamtlich und hier monatelang im künstlerischen und im organisatorischen recherchiert, geplant und letztlich auf diesem unglaublichen niveau eingeladen, vorgestellt und durchgeführt. alles zum größten Vergnügen. und genau das soll euch noch lange gelingen, mit diesem elan, bei gesundheit, kraft und lust, uns allen in zukunft erhalten zu bleiben. Herzliche gratulation zum Vierzigsten von den dankbaren Musikern der akaMus berlin. und glückwünsche auch besonders von mir, der sich durch diese langjährige freundschaftliche beziehung zu diesem ort der Musik und zu ludwig Hartmann, einem seiner ideellen träger, sehr glücklich fühlen darf. sehr herzlich stephan Mai, ehemals akaMus. Stephan Mai Langjähriger Konzertmeister der Akademie für Alte Musik Berlin Dona nobis pacem aus bachs h moll-Messe, die immer noch aktuelle bitte um Frieden, bildete den abschluss der ersten ausgabe des oude Muziek Festival utrecht am sonntag, den 5. september 1982. ie positive aufnahme des ersten Festivals konnte nur eine konsequenz haben, eine tradition war geboren. Was wir an diesem abend nicht ahnen konnten, war, dass der ausverkaufte saal gleichzeitig der nährboden für eine weitere Festivaltradition war. Darum geht es in diesem beitrag. nach dem abschlusskonzert fuhren zwei junge Deutsche mit demnachtzug zurück nach regensburg. Müde, weil sie tagsüber aus der bayerischen Domstadt angereist waren, um in der niederländischen Domstadt bachs h-Moll Messe unter der leitung von ton koopman zu hören. Doch an schlaf war in der nächsten nacht nicht zu denken: Der kurzbesuch der beiden ehemaligen regensburger Domspatzen in utrecht wirkte wie ein katalysator für das Projekt W., das schon länger in ludwigs und stephans Herzen schlummerte: die Förderung alter Musik in der lokalen und regionalen Musikszene. steht das W für Wolfgang, den bischof, der 925 die erste Domschule und damit den ersten Chor, die späteren Domspatzen, gründete? Die stadt regensburg sollte natürlich durch die zusammenarbeit mit den Domspatzen (vielleicht sogar im eröffnungskonzert?) einen prominenten Platz im Projekt erhalten. auch eine zusammenarbeit mit der universität erschien logisch und sollte geprüft werden. apropos universität: Die studentenschaft wäre doch hoffentlich bereit, mitzuhelfen? natürlich wäre eine zusammenarbeit mit dem kulturund Fremdenverkehrsamt erforderlich. und für die Öffentlichkeitsarbeit müsste die Mittelbayerische zeitung mit ins boot geholt werden. Welche konzertorte würden zur Verfügung stehen? Mehr Fragen als antworten für den Moment! noch vor dem lokomotivwechsel im grenzbahnhof emmerich waren die grundzüge des Projekts abgesteckt (historische aufführungspraxis, repertoireerweiterung, talentförderung), im weiteren Verlauf der reise folgten neue Details, in Windeseile wurden Vergangenheit und gegenwart verknüpft. Verlässliche Hilfe sollte bei der bearbeitung und Übersetzung der liedtexte gefunden werden, ein unverzichtbarer Dienst am Publikum. im umfeld von Düsseldorf (schumann) und bonn (beethoven) wurde diskutiert und beschlossen, dass auch die Musik der romantik von dem neuen schwung profitieren sollte. in köln wurde überlegt, ob eine zusammenarbeit mit demWDr sinnvoll sei, der ja schon lange die alte Musik förderte. es schien besser, den bayerischen rundfunk miteinzubeziehen. » als Jubiläumszahl erscheint die 40 zunächst nicht sehr markant. bis man sich einmal mit der Fülle symbolischer und spiritueller bedeutungen befasst, die der zahl 40 in der religiösen und literarischen Überlieferung fast aller Weltkulturen zugeschrieben werden, ganz abgesehen von einigen elementaren naturzyklen, in denen sie sich wiederfindet. schon aus diesem verblüffenden Phänomen lässt sich schließen, dass die tage alter Musik regensburg heuer ein überaus wichtiges Jubiläum begehen, zu dem die 40-stimmigen kompositionen von alessandro striggio imabschlusskonzert die glanzvolle musikalische entsprechung bilden. auch wenn die Chronologie, bedingt durch einen ausfall während der Covid-Pandemie, ein wenig stolpert: nach lebensjahren gerechnet statt nach der Häufigkeit der Wiederkehr, wäre das Festival ja bereits 41. seine geburt im orwell-Jahr 1984 aber könnte man ebenfalls symbolisch deuten: zur Finsternis jener romanfiktion, von der so manches sich seither bewahrheitet hat, stand und steht dieses Projekt in seiner Mischung aus Courage, entdeckerfreude, schönheitssinn, geschichtsbewusstsein und gelebter unabhängigkeit in denkbar größtem kontrast. Vor der inspirierenden kulisse der stadt regensburg mit ihren vielfältigen klangräumen wurde der ensemblegeist, der die Historische aufführungspraxis vom genieund Hierarchiekult eines späteren Musikverständnisses unterscheidet, auch in der organisation und gestaltung des Festivals verwirklicht und bis heute beibehalten. so wurde das alljährliche ereignis, bei dem sich immer wieder musikalische Pfingstwunder erleben ließen, nicht nur ein zuverlässiger begegnungsort für ein Publikum, das solche Qualitäten zu schätzen weiß, sondern gewann auch in der internationalen alte-Musik-szene einen herausragenden ruf, der ebenso viel mit künstlerischemanspruch wie mit menschlichem umgang zu tun hat. in der numerologie wird die 40 mit der Vollendung eines entwicklungszyklus assoziiert, die etwas neues einleitet. Der Dichter goethe notierte: „Die 40 scheint dem beschauen, erwarten, vorzüglich aber der absonderung gewidmet zu sein.“ im Fall der tage alter Musik regensburg ist das beschauen des erreichten eine Freude, erwarten dürfen wir hoffentlich noch viel, und „absonderung“ interpretieren wir hier als die selbstbewusste Freiheit, anders und besonders zu bleiben, auch in zukunft. Kristina Maidt-Zinke Freie Literatur- und Musikkritikerin 9
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