Tage alTer Musik regensburg konzert 11 aufschnaiter als den katholischen bach zu bezeichnen: beide Meister pflegten einen kompositionsstil, der eigentlich auf die renaissance verweist, schrieben meisterliche Polyphonie. natürlich überragt bach aufschnaiter als organist und komponist für tasteninstrumente, doch in der kirchenmusik gingen beide, unbeirrt von Modernismen, ihren Weg und erklommen in ihrem jeweiligen stil den gipfel des Möglichen. ein Hauptmerkmal ihres avantgardistischen geistes ist die Öffnung der Polyphonie für die Modulation selbst in ferne tonarten, womit sie ihrer Musik barocke, theatralisch überzeichnete intensität verliehen. Dass sie dabei zu völlig unterschiedlichen ergebnissen kamen, liegt auch daran, dass der lutherische Protestant bach das Wort als zentral begriff und neue deutsche kontemplationstexte in sprechend kommentierende Musik zu kleiden suchte. Der katholikaufschnaiter dagegen schuf zu alten lateinischen texten tongemälde, die wie die ausufernden Malereien in katholischen barockkirchen das Heilsgeschehen zuerst emotional erlebbar machen wollen. oberösterreich gehörte in der barockzeit zum bistum Passau und so fanden wir das notenmaterial vonaufschnaiters Missa Laetemurine im oberösterreichischen stift lambach. in den stimmbüchern sind Gloria und Credo interessanterweise getrennt von den anderen sätzen gelistet; möglicherweise wurden sie nur zu besonderen Festen aufgeführt. aufschnaiter betont auch die neue art seiner komposition, die stringent und nicht zu ausladend sei —was in zeiten der beginnenden aufklärung als Modernisierung empfunden wurde. Der im böhmischen Wartenberg geborene Heinrich ignaz Franz von biber war in graz und kremsier tätig, bevor er 1670 von seinem kremsierer Dienstherrn nach innsbruck geschickt wurde, um instrumente zu kaufen. Doch der komponist kehrte nie zurück: ohne erlaubnis oder entlassung aus kremsier blieb er in salzburg, wo er vom erzbischof stante pede als Violinist angeworben wurde, 1679 zum stellvertretenden kapellmeister und 1684 schließlich zum kapellmeister avancierte. Dieses hohe amt bekleidete er bis an sein lebensende. Den Psalm Laetatus sum (1676) scheint biber sich auf den leib geschrieben zu haben: Die solo-Violine nimmt zeitweise eine zentralere rolle ein als die beiden basssolisten; wobei die solostellen an die in seiner Vesper (1674) erinnern, mit der der Psalm also nicht nur zeitlich in direktem zusammenhang steht. Die positive grundstimmung des Psalmtextes findet ihre entsprechung im ausgelassenen, fast wilden eingangsteil im 6/8 takt, an dessen ende sich die erste Violine zu einem ersten solo aufschwingt. Würdevoll wird die stadt Jerusalem besungen; ein aufgeregtes instrumentales zwischenspiel leitet dann über in einen rein vokalen teil. beeindruckend wird danach das bitten um Frieden mit bogenvibrato veranschaulicht. ein weiteres zwischenspiel gibt atem für weitere Friedenswünsche. Vor dem Gloria Patri steht ein weiteres eindrucksvolles Violinsolo mit dem titel Sonata, und einen letzten virtuosen auftritt gönnte sich der geigende komponist vor dem Sicut erat. ein anderer spezialeffekt findet sich im Saecula saeculorum: ein extrem langer Halteton für die Violine, für den biber noch dazu ein Vibrato verlangt (»tremulo longa«) – bemerkenswert für die damalige zeit! Das ruhig angelegte Amen bringt uns entspannt ins Diesseits zurück. seine Vesperae à 32 schrieb biber 1674 als eines der ersten größeren Werke für den salzburger erzbischof und vermutlich mit dem Hintergedanken, baldigst vom geiger zum kapellmeister befördert zu werden. Was glänzend funktionierte! Die Vesper dürfte für einen Festgottesdienst an Mariae Himmelfahrt entstanden sein und aus der blechbläserbesetzung lässt sich ersehen, dass bei der aufführung der erzbischof höchstselbst anwesend war. in Musik gesetzt sind hier vomordinarium des stundengebets allerdings nur Psalm 109 samt einleitender Sonata und Canticum, charakterisiert durch den höchst virtuosen Part der 1. Violine — eine echte besonderheit in einer Vesperkomposition, mit der sich biber als Virtuose beweisen konnte. Die außerdem in der Vesper verorteten Psalmen 110, 111, 112 und 116 wurden wohl aus früherem salzburger repertoire ergänzt; bibers entsprechende Vertonungen jedenfalls entstanden erst später. Hatte biber mit diesem mächtigen Werk schon die zeitgenossen beeindruckt, so geriet es auch Jahrzehnte nach der uraufführung nicht in Vergessenheit — was ungewöhnlich für eine zeit scheint, in der jeder kapellmeister stetig neue Musik komponierte. Doch noch 1745 beschreibt ein Frater aus kremsmünster eine aufführung: Die Vesper wurde unter der ganzen Music [vom vollen Ensemble] auf 5 Chöre geben, in einem waren die Vokalisten, die Orgel, die Bassaunen Das einzige erhaltene Porträt von Heinrich Ignaz Franz Biber; es stammt aus den Sonatae violino solo 1681 [C. 138–145]. Die Inschrift lautet: „Gestochen von Paul Seel“. Die Umschrift lautet: „Heinrich I.F. Biber Vize-Kapellmeister des höchst erhabenen und höchst verehrungswürdigen Fürsten und Erzbischofs zu Salzburg seines Alters 36 Jahre“ 93
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