Tage Alter Musik – Programmheft 2025

bereits 40 Jahre gibt es die tage alter Musik regensburg (taM), und wer die Programme revue passieren lässt, findet dort nicht nur das who is who der alten Musik seit vier Jahrzehnten, sondern auch eine große anzahl weniger bekannter Musikerinnen und Musiker. Die Veranstalter haben nicht nur die etablierte tradition und den «mainstream» zu ihrem recht kommen lassen – man denke nur an die großen eröffnungskonzerte mit den regensburger Domspatzen – sondern stets auch viel neugier für weniger bekannte, aber vielversprechende künstler:innen, ensembles und repertoires bewiesen und damit das spektrum der ästhetischen zugänge wie der regionalen Differenzen für ihr Publikum erheblich ausgedehnt. Diese ausgeprägte Diversität ist eines der faszinierendsten Merkmale der alten Musik. zugleich sind die vier Jahrzehnte des regensburger Festivals ein verhältnismäßig kurzer zeitraum in der gesamten entwicklungslinie Historischer Musikpraxis und rechtfertigen daher einen notgedrungen kurzen blick in größere zusammenhänge. es ist wie beim Öffnen einer Matrjoschka-Puppe: sobald man eine station in der rezeption älterer Musik näher betrachtet, entdeckt man eine noch ältere schicht, auf der sie steht. Die generation der 1970er und 1980er Jahre (gebrüder kuijken, Frans brüggen, Jordi savall, benjamin bagby & barbara thornton, reinhard goebel et al.) – um mit den anfangsjahren der taM zu beginnen – profitierte ihrerseits von der generation aus der Mitte des 20. Jahrhunderts (nikolaus und alice Harnoncourt, gustav und Marie leonhardt, thomas binkley, konrad ruhland etc.), diese erhielten anregungen von den kurz vor oder nach 1900 geborenen (august Wenzinger, alfred Deller, safford Cape, Paul Hindemith), und die wiederum hatten ihre Vorbilder in arnold Dolmetsch, Wanda landowska und anderen zeitgenoss:innen, die um 1850 geboren wurden. sogar gustav Mahler (geb. 1860) veranstaltete «historische konzerte» und war in einem brief von 1909 darum besorgt, Werke von bach mit einer Continuostimme begleiten zu lassen – selbstverständlich auf dem klavier. Weiter zurück geht es mit französischen bzw. belgischen (z.b. F.-J. Fétis in Paris und brüssel) und deutschen (a. F. J. thibaut in Heidelberg) Pionieren. Mendelssohn bearbeitet bach, Mozart bearbeitet Händel, J. s. bach sammelt die Musik seiner eigenen Vorfahren, und man weiß sogar, dass Jean Jacques rousseau Übertragungsversuche der Missa von guillaume de Machaut (14. Jh.) unternommen hat. in england gab es schon seit dem frühen 18. Jahrhundert eine tradition der auseinandersetzung mit historischem repertoire, ganz besonders mit den italienischen Madrigalisten des 16. und frühen 17. Jahrhunderts in «the royal academy of Vocal Music». Der erste Vorsitzende dieser Vereinigung wurde 1727 der nicht einmal in england ansässige italienisch-deutsche komponist und Diplomat agostino steffani (1654-1728). robert lucas Pearsall (gest. 1856), der bewegende historisierende Vokalmusik hinterlassen hat, ist einer der letzten Vertreter dieser gruppierung. Die seit dem 16. Jahrhundert und im 19. Jahrhundert besonders in regensburg so wirkungsmächtige Figur des giovanni Pierluigi da Palestrina ist schließlich gegenstand einer tagung innerhalb des diesjährigen Festivals – womit sich ein großer kreis schließt. Mit diesen sehr subjektiv gewählten beispielen bleiben viele weitere ungenannt, die in ganz unterschiedlichen zugängen den boden für das bereitet haben, was wir heute unter dem begriff «alte Musik» verstehen. eines wird damit aber schon deutlich: die beschäftigung mit älterer Musik ist ein unvermeidlicher teil der Musikgeschichte selbst und keineswegs ein neueres Phänomen. relativ neu ist hingegen ihre Wahrnehmung als eigene musikalische sparte und ihr genereller einfluss auf den «klassik»-Markt, der sich, genau betrachtet, parallel zur alte-Musik-bewegung herausgebildet hat. Die erfolgreiche geschichte der tage alter Musik regensburg ist damit ein element dieser entwicklung und zugleich ein brennglas für die alte Musik-Praxis ihrer eigenen zeit. panorama Vor diesem grob skizzierten Hintergrund ist es nicht mehr überraschend, dass alte Musik im heutigen konzertleben und auf dem multimedialen Musikmarkt eine omnipräsente spielart geworden ist, oder man könnte auch sagen: eine Marke, wenngleich mit unscharfen grenzen. so umfasst sie in der gegenwart eine standardisierte, festspieltaugliche und an die Vermarktungsstrategien großer Medienkonzerne anschlussfähige seite ebenso wie die spezialisierte, ausdifferenzierte und in die entferntesten regionen des repertoires und der spielpraxis reichende – sowie alles, was dazwischen liegt.1 an den rändern berührt sie auch die sphäre traditioneller Musikpraktiken, zeigt Verwandtschaft mit dem Jazz und findet anschluss an das aktuelle kompositorische schaffen. Der erfolg der alten Musik macht sie inzwischen auch interessant für Musiker:innen konventioneller ausrichtung, die sich gerne mit den spezialist:innen verbinden. Moderne symphonie- oder kammerorchester sowie etablierte opernhäuser lassen sich umgekehrt durch alte Musik-expert:innen am Dirigentenpult inspirieren. Diese einladungen werden von den repräsentanten der alten Musik auch bereitwillig angenommen, weil sie zutritt zu der einst verschlossenen, aber prestigeträchtigen und finanziell gut ausgestatteten sphäre der öffentlich subventionierten Hochkultur verschaffen. Dass das Thomas Drescher soweit, so gut? 40 Jahre „Tage alter musik regensburg” im spiegel der alte-musik-bewegung – eine Tour d’horizon 1 Dieser breiten Definition entsprechend umfasst der begriff «alte Musik» in diesem text alle aktivitäten, die sich im sinne einer wie immer gearteten rekonstruktiven Forschung und Praxis mit einem älteren musikalischen repertoire befassen. Tage alTer Musik regensburg Juni 2025 12

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