Tage Alter Musik – Programmheft 2026

Pariser universität Sorbonne ans Licht gebracht hat. Diese Arbeit hatte das Ziel, in enger Zusammenarbeit von Forschung und Praxis das reichhaltige Repertoire der musikalischen Vergangenheit von Mittel- und Südamerika zu zeigen. Die Existenz der Familie Apumayta kann von etwa 1720 bis Ende des 18. Jahrhunderts gesichert nachverfolgt werden. Forschungen in verschiedenen Archiven Boliviens sind ihrer Identität und ihrer Rolle als Berufsmusiker sowohl in Cusco als auch in Cochabamba (Bolivien) auf die Spur gekommen, wo der zweite Teil ihrer Geschichte spielt. Agustin Apumayta war ein indigener Adeliger sowohl mit politischer Verantwortung als auch Organist in der katholischen Pfarrgemeinde des Hospital de Naturales im kolonialen Cusco. Aus welchen Gründen er eine Reise von fast 1000 Kilometern über das Hochland der Anden unternahm – vermutlich am ufer des Titikakasees entlang –, um sich in Cochabamba niederzulassen, ist unbekannt. Diese Stadt, nordöstlich des berühmten Bergbauzentrums von Potosi, liegt in einem Tal, das schon zu Inka-Zeiten für seine Fruchtbarkeit gepriesen wurde. Hier wirkte Agustin Apumayta bis zum Ende seines Lebens als maestro de capilla, hier kamen seine Kinder Diego und Francisca zur Welt, hier lehrte er sie den Kontrapunkt, das Monochord zu spielen und die Psalmen zu singen. Diego wurde sein nachfolger als maestro de capilla, während Francisca Komponistin und Musiklehrerin in einem besonderen umfeld wurde: dem Konvent der Armen Klarissinnen in Cochabamba. Vermutlich war Francisca Apumayta Ende des 18. Jahrhunderts als Laienschwester Mitglied dieses Konvents. Diesem verdanken wir es, dass ihre Musik erhalten blieb, und hier scheint sie auch die Werke in unserem Programm komponiert zu haben, die sämtlich für die bereits erwähnte Doktorarbeit erforscht, kopiert und rekonstruiert wurden. Bemerkenswerterweise sind die einzigen Manuskripte, die bisher dieser Musikerfamilie zugeschrieben werden können, diejenigen von Francisca. Vielleicht trug gerade die Abgeschiedenheit des Konvents dazu bei, dass dieser einzigartige Schatz erhalten blieb: die Werke der einzigen indigenen Komponistin aus der südamerikanischen Kolonialzeit, die wir bis heute kennen. Comet Musicke versucht, die musikalische Reise der Familie Apumayta und das Beziehungsgeflecht, das diese drei Mitglieder des Anden-Adels mit der Barockmusik in Lateinamerika bildeten, nachzuvollziehen. Agustin war Lehrer und Mentor seines Sohnes Diego sowie seiner Tochter Francisca und brachte ihnen die für Berufsmusiker erforderlichen Grundlagen bei. Eine Frau zu sein, hielt Francisca nicht davon ab, ihre Kenntnisse und ihr Können als Komponistin auszuleben. Dazu musste sie sich allerdings in die Obhut der einzigen Institution begeben, die das in der damaligen Zeit ermöglichte. Das belegt auch die Tatsache, dass ihre Werke nicht nur in den verschiedenen niederlassungen des Konvents zirkulierten, sondern auch außerhalb, was die Kopie eines ihrer Werke in Sucre (Bolivien) belegt. Spielten vielleicht ihr Vater oder ihr Bruder, aufgrund ihrer Position als Kapellmeister, eine Rolle bei der Verbreitung ihrer Werke? Es scheint doch sehr wahrscheinlich, dass diese Familie eine bedeutende Rolle für die Entstehung und Verbreitung barocker europäischer und von Mischungen aus indigener und europäischer Musik in den AndenKolonien am Ende des 18. Jahrhunderts spielte. Als Repräsentanten der Welt der Indigenen und der Mestizen tariert die Familie Apumayta wie ein faszinierendes Gegengewicht verschiedene Sphären aus: die Kultur der Indigenen und der Spanier, Cusco und Cochabamba sowie säkulares und klösterliches Leben. Comet Musicke präsentiert mit einem Kaleidoskop der Musik der damaligen Zeit eine Klangreise, die das musikalische universum dieser Familie heraufbeschwört: Werke des Kapellmeisters Juan de Araujo und von Tomás de Torrejón y Velasco – Komponisten, deren Werke in den Kathedralen von Lima und La Plata (dem heutigen Sucre) erklangen – und andere Kompositionen aus Cusco, die zweifellos von der Familie Apumayta beeinflusst waren. Von der alten Hymne in Quechua-SpracheHanacpachap cusicuinin–einem Sinnbild der kulturellen Verschmelzung in dieser Region – bis zu den liturgischen Kompositionen, die im Konvent der Armen Klarissinnen von Cochabamba aufbewahrt sind (Concinat plebs fidelium, Almas prevenid): Die Klangwelt, die diese historischen Figuren umgibt, bildet den Rahmen für die Werke von Francisca Apumayta, deren bisher beispiellose kontrapunktische Kompositionen innerhalb eines kulturellen Synergismus ihren Platz im Zentrum dieser musikalischen Reise sichern. Autorin: Daniela Maltrain Deutsche Fassung: Christina und Hannsjörg Bergmann Urkunde aus dem Stadtarchiv von Cochabamba Foto: Daniela Maltrain Tage alTer Musik regensburg Konzert 15 Hanacpachap cussicuinin (um 1631 Lima, Peru) Manuskript veröffentlicht vom Franziskanermönch Juan Pérez Bocanegra Unbefleckte Empfängnis mit Franziskanerheiligen, um 1675, zugeschrieben Diego Quispe Tito (Schule von Cusco) 101

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