Tage Alter Musik – Programmheft 2026

Preis: 10,00 € 22. BIS 25. MAI 2026 MUSIK VOM MITTELALTER BIS ZUR ROMANTIK 18 KONZERTE AN HISTORISCHEN STÄTTEN Regensburger Domspatzen Musica Florea Prag (Tschechien) Ensemble Irini (Frankreich) The Gonzaga Band (Großbritannien) L’Escadron Volant de la Reine (Frankreich) Il Gardellino (Belgien) Tiburtina Ensemble (Tschechien) Oltremontano Antwerpen (Belgien) Les Épopées (Frankreich) Ensemble Bonne Corde (Portugal) Verità Baroque (Deutschland) Ensemble Près de votre oreille (Frankreich) Comet Musicke (Frankreich) Ensemble Parlamento (Schweiz) Ensemble Altera Pars (Deutschland) Stile Antico (Großbritannien) „Johann Sebastian Bachs Welt der Tasteninstrumente“ mit Pierre Gallon, Bertrand Cuiller, Jermaine Sprosse, Loris Barrucand & Clément Geoffroy BEGLEITPROGRAMM Internationale Verkaufsausstellung von Nachbauten historischer Musikinstrumente, von Noten, Büchern und CDs Internationales Symposium in Zusammenarbeit mit dem Institut für Musikwissenschaft der Universität Regenburg „Hans Memlings Engelskonzert: Restaurierung, Instrumentarium, Repertoire“

TAGE ALTER MuSIK REGEnSBuRG Mai 2026 Inhalt Grußworte 4 Konzert 1 Regensburger Domspatzen – Musica Florea Prag 6 Konzert 2 Ensemble Irini 14 Konzert 3 The Gonzaga Band 20 Konzert 4 Pierre Gallon 26 Konzert 5 L’Escadron Volant de la Reine 32 Konzert 6 Bertrand Cuiller 40 Konzert 7 Il Gardellino 44 Konzert 8 Tiburtina Ensemble – Oltremontano Antwerpen 54 Konzert 9 Les Épopées 64 Konzert 10 Jermaine Sprosse 72 Konzert 11 Ensemble Bonne Corde 76 Konzert 12 Loris Barrucand – Clément Geoffroy 82 Konzert 13 Verità Baroque 88 Konzert 14 Ensemble Près de votre oreille 94 Konzert 15 Comet Musicke 98 Konzert 16 Ensemble Parlamento 104 Konzert 17 Ensemble Altera Pars 110 Konzert 18 Stile Antico 116 Terminübersicht der Rundfunkübertragungen 123 Internationales Symposium – Hans Memlings Engelskonzert: Restaurierung, Instrumentarium, Repertoire 124 Konzerteinführungen – Il Gardellino – Verità Baroque – Stile Antico 126 Diskografie 130 Ausstellung 134 Konzertorte / Veranstaltungsorte 154 Rückblick auf die Konzerte 2025 (40 Jahre TAM) 139 Dank 162 Stadtplan 163 Zeittafel 164 Impressum 127 3

Tage alTer Musik regensburg Mai 2026 Jedes Jahr zu Pfingsten wird Regensburg zum internationalen Aushängeschild der Alten Musik: Seit nunmehr über 40 Jahren begeistert das renommierte Festival die zahlreichen Liebhaber der Historischen Aufführungspraxis. Durch seine lebendige Ästhetik und Offenheit für innovative Ansätze zieht das Festival ein stetig wachsendes, auch junges Publikum aus nah und fern an und ist als eines der Highlights aus dem reichhaltigen Kulturleben der unESCOWelterbestadt nicht mehr wegzudenken. Damit steht Regensburg stellvertretend für das Selbstverständnis unseres Kulturstaates: Wer Spitzenmusik sucht, kommt nach Bayern! Auch in diesem Jahr lassen die Tage Alter Musik die Besucher eintauchen in fantastische Werke aus fast sechs Jahrhunderten Musikkultur. An insgesamt vier Tagen erklingen achtzehn hochkarätige Konzerte in historischen Kirchen und Sälen der Domstadt. Das traditionsreiche Auftaktkonzert mit den Regensburger Domspatzen und dem Prager Originalklang-Orchester Musica Florea in der Dreieinigkeitskirche eröffnet die musikalische Zeitreise mit einer besonderen Auswahl an Werken von Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohn Bartholdy. Zahlreiche handverlesene Ensembles, Orchester und Solisten versprechen herausragenden Musikgenuss. Darüber hinaus eröffnet das Programm weitere spannende Möglichkeiten, die Welt der Alten Musik zu entdecken: Besuchen Sie etwa die internationale Verkaufsausstellung von nachbauten historischer Musikinstrumente oder das musikwissenschaftliche Symposium zu Hans Memlings „Engelskonzert“ in Kooperation mit der universität Regensburg. Damit bieten die Tage Alter Musik auch 2026 wieder eine einzigartige Verbindung von exzellenter Klangdarbietung, lebendiger Musikgeschichte und kulturellem Austausch! Mein herzlicher Dank gilt insbesondere Stephan Schmid und Ludwig Hartmann, die das Festival seit seiner Entstehung mit größtem Engagement und kreativemHerzblut leiten. Danken möchte ich auch allen Förderern und Beteiligten, die die Tage Alter Musik stets zu einem Fest der musikalischen Hochkultur machen. Selbstverständlich unterstützt auch der Freistaat Bayern dieses Erfolgsformat seit vielen Jahren als starker und verlässlicher Partner. Ihnen, liebe Besucherinnen und Besucher, wünsche ich inspirierende Eindrücke: Werden Sie Teil der wunderbaren Welt der Alten Musik! Markus Blume, MdL Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst Konzerte an historischen Stätten erleben. Wo ginge das besser als in Regensburg? unsere historischen Kirchen und Säle sind weit mehr als eine Kulisse: Als Zeugen des Zeitgeists aus vielen Jahrhunderten werden sie zu Resonanzräumen, die den Geist der aufgeführten Kunst widerspiegeln. So entstehen bei uns Jahr für Jahr eindrucksvolle klangliche Erlebnisse, die weit über den Moment hinaus in Erinnerung bleiben. Die Tage Alter Musik haben sich seit nunmehr über 40 Jahren zu einem kulturellen Markenzeichen entwickelt. Lokale Verwurzelung und internationale Ausstrahlung verbinden sich auf einzigartige Weise. Das treue Stammpublikum und Gäste aus aller Welt bilden gemeinsammit hochkarätigen europäischen Musikerinnen und Musikern jene besondere Atmosphäre, die unser unESCO-Weltkulturerbe – das in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum feiert – zum Klingen bringt. Was einst als mutiges Projekt begann, ist heute ein Fix- und Glanzpunkt im europäischen Festivalkalender. Mit Leidenschaft und einem unfehlbaren Gespür für Qualität gelingt es den Organisatoren Jahr für Jahr, die Elite der Alten Musik nach Regensburg zu holen. Dabei ist es gerade die Einladung zum Entdecken, die das Festival so spannend macht: Das Einlassen auf selten gehörte Instrumente, vergessene Partituren und innovative Interpretationen lässt die Musikgeschichte in der Gegenwart lebendig werden. So verspricht das diesjährige Programm eine faszinierende Reise durch die Epochen der Musikgeschichte. DenAuftakt bilden traditionell die Regensburger Domspatzen, die mit Werken von Carl Maria von Weber die deutsche Romantik in die Dreieinigkeitskirche tragen. Der Bogen spannt sich weiter über glanzvolle Stücke von Johann Sebastian Bach bis hin zu geistlicher Barockmusik aus Südamerika, Vokalmusik aus Europas bedeutendsten Städten der Renaissance oder dem jungen portugiesischen Ensemble „Bonne Corde“. Der Einblick in das Programm verspricht eine Bandbreite, die ihresgleichen sucht. Die Tage Alter Musik sind ein glänzendes Aushängeschild für Regensburg. Mein herzlicher Dank gilt den Organisatoren, allen Förderern und den vielen helfenden Händen im Hintergrund, die mit ihrem unermüdlichen Einsatz dieses kulturelle Highlight erst möglich machen. Ich wünsche Ihnen, liebe Gäste, inspirierende Festivaltage, bewegende Begegnungen und musikalische Sternstunden in unserer schönen Stadt. Den TagenAlter Musik wünsche ich einen wunderbaren Verlauf und weiterhin viel Erfolg! Dr. Thomas Burger Oberbürgermeister der Stadt Regensburg Fix- und Glanzpunkt im europäischen Festivalkalender Internationales Aushängeschild der Alten Musik Grußworte Foto: © StMWK / Böttcher Foto: © Stadt Regensburg / Christian Kaister 4

Tage alTer Musik regensburg Mai 2026 Sie sind nicht zu übersehen, unsere beiden BRÜbertragungswagen, die seit über 40 Jahren jeweils an Pfingsten vor Regensburger Kirchen parken und Konzerte der TAGE ALTER MuSIK aufzeichnen. Wenn das Eröffnungskonzert aus der Dreieinigkeitskirche live auf BR Klassik übertragen wird, hat unsere Sprecherin Silke von Walkhoff sogar den besten Überblick, ob wirklich schon alle Konzertbesucher die Kirche betreten haben: Denn die Fahrerkabine des LKW, der direkt vor dem Eingangsportal steht, dient ihr für die Dauer der Sendung als „gläsernes Studio“. Für die BR-Übertragungs-Crew sind die meisten Konzertorte vertrautes Terrain: etwa die Schottenkirche (mit verstecktem Ü-Wagen im Hof), die Minoritenkirche (mit bequemer Anfahrt, aber oft mit vielen Außengeräuschen) oder die Basilika St. Emmeram, bei der enorm viele Kabelmeter ausgerollt werden müssen, um die Mikrofone imAltarraum zu erreichen. Aber die niedermünsterkirche? – Der Ingenieur, der diesen neuen, für uns bislang unbekannten TAMSpielort begutachtet, schreibt danach sachlich ins Protokoll: „1. Ü-Wagen zu lang, zu breit und zu hoch, um die Kirche anfahren zu können 2. alle Zufahrtsstraßen sind Feuerwehranfahrtszone mit absolutem Halteverbot 3. kein ausreichender Starkstromanschluss in der Kirche und Sakristei.“ Was folgt, ist der leidenschaftliche Versuch, die Aufnahme trotzdem zu retten. Gemeinsam mit den TAM-Organisatoren werden Ausnahmegenehmigungen erwogen, Alternativstandorte in benachbarten Höfen geprüft, abenteuerliche Kabelwege ersonnen, besprochen und wieder verworfen. Die aus romanischer Zeit stammende niedermünsterkirche ist und bleibt ein übertragungsunfreundliches Gemäuer… Ludwig Hartmann, neben Stephan Schmid einer der TAM-Gründungsveteranen, nimmt’s gelassen und bespricht mit uns Mitschnitte an alternativen Orten. Zusammen mit Geschäftsleiter Paul Holzgartner haben sich die drei auch nach gut vier Jahrzehnten ehrenamtlicher Planung ihren jugendlich-ungestümen Enthusiasmus fürs Festival bewahrt. Sie brennen für ihre Konzerte und Ensembles und begegnen auftretenden Schwierigkeiten mit bemerkenswerter Langmut. So sorgen sie dafür, dass sich Regensburg alljährlich zu Pfingsten zu einem wahren Eldorado der Alten Musik aufschwingt. Auch das macht Regensburg zu einer der schönsten Städte Deutschlands: Weil hier die Musik den historischen Mauern heutiges Leben einhaucht…- Was wir von BR Klassik nur allzu gern auch übers Radio in die Welt tragen! Falk Häfner Redakteur BR Klassik Starkstrom muss sein! Foto: © BR / Markus Konvalin Live-Übertragung: Sprecherin Silke von Walkhoff im „gläsernen Studio“ des BR bei den TAM 2014 Foto: Hanno Meier Litfass-Säule an der Eisernen Brücke TAM 2025 Foto: Ludwig Hartmann 5

Regensburger Domspatzen Domspatzen und Musica Florea Prag 2024 bei den TAM Foto: Michael Vogl Tage alTer Musik regensburg Mai 2026 regensburger Domspatzen Musica Florea Prag (tschechien) Jubel Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohn bartholdy Lara rieken, Sopran Sinja Maschke, Alt Julian Habermann, Tenor Matthias Lika, Bass Marek Štryncl, Konzertmeister ernst Schlader, Klarinette Christian Heiß, Leitung Freitag, 22. Mai 2026, 20.00 Uhr Dreieinigkeitskirche Am Ölberg 1 Das 1992 von dem Violoncellisten und Dirigenten Marek Štryncl gegründete Ensemble Musica Florea Prag war Resultat einer der ersten ernsthaften Bemühungen um eine historisch informierte Aufführungspraxis in Tschechien. Gespielt wird auf Originalinstrumenten oder Kopien und anhand zeitgenössischer Quellen. Historische Forschung und zugleich ein kreatives Revival vergessener interpretatorischer Stile und Methoden sind Kernpunkte imMusizieren dieses Ensembles. Mittlerweile ist Musica Florea Prag mit einer Vielzahl von Künstlerinnen und Künstlern aufgetreten, die im Bereich historischer Aufführungspraxis zu den führenden Persönlichkeiten weltweit gehören. Das Repertoire des Ensembles reicht vom Frühbarock über die besondere Pflege der böhmischen Barockmeister Jan Zach, Johann Anton Reichenauer und Jan Dismas Zelenka bis zu den sinfonischen Werken Antonín Dvořáks. Die Diskographie des Ensembles macht dies sehr deutlich. Die jüngsten CD-Veröffentlichungen beim Label Arta galten Dvořáks Stabat Mater (2022) und seiner 7. Sinfonie (2023). Seit 2002 hat das Ensemble dank der unterstützung durch das Kultusministerium und die Stadt Prag seine eigene Aufführungsreihe. Mit den Regensburger Domspatzen (Leitung: Roland Büchner) gab es 2000 eine erste Zusammenarbeit im Rahmen der Tage Alter Musik. Auf dem Programm standen ausschließlich Werke von J. S. Bach, u.a. das Magnificat BWV 243a und die Kantate „Mein Seel‘ erhebt den Herrn“ BWV 10, beide Werke wurden auch beim CD-Label Glissando veröffentlicht. 2003 gab es 6

eine weitere Zusammenarbeit zwischen den Regensburger Domspatzen und Musica Florea Prag. Zwei Konzerte mit Händels Messiah standen auf dem Programm von Konzerten im Auditorium maximum der universität Regensburg und wurden auch als Live-Mitschnitt beim Label cfm auf einer Doppel-CD veröffentlicht. Marek Štryncl wurde im Jahr 1974 in Jablonec nad nisou geboren. Auf dem Konservatorium in Teplice studierte er Violoncello und Dirigieren. Das Ensemble Musica Florea Prag gründete er bereits während seines Studiums. In den Jahren 1994 und 1995 arbeitete er als Konzertmeister der nordböhmischen Philharmonie. neben der regelmäßigen Teilnahme an vielen internationalen Interpretationskursen studierte er Barockvioloncello in Dresden. Er war als Cellist in verschiedenen tschechischen und internationalen Ensembles tätig. Sein Hauptaugenmerk galt aber „seiner“ Musica Florea. Er ist Absolvent der Akademie der musischen Künste Prag (AMu) im Fach Dirigieren und leitet bei groß besetzten Werken wie den Symphonien Antonín Dvořaks die Musica Florea vom Dirigierpult aus. ernst Schlader, geboren in Gmunden, studierte Klarinette, Orgel, Alte Musik, Musikwissenschaft und Wissensmanagement in Linz (Anton Bruckner Privatuniversität, Johannes Kepler universität), Den Haag (Königliches Konservatorium) und Frankfurt am Main (Hochschule für Musik und Darstellende Kunst). 2012 erhielt er für seine Dissertation über den Komponisten Georg Pasterwiz (1730– 1803) die Talentförderungsprämie für Wissenschaft des Landes Oberösterreich. Bis 2017 war Ernst Schlader als Honorar-Professor für historische Klarinetteninstrumente an der Staatlichen Hochschule Tage alTer Musik regensburg Konzert 1 Musica Florea Marek Štryncl, Konzertmeister Musica Florea Foto: M. Světlík Ernst Schlader, Klarinette Foto: Marianne Feiler 7

für Musik in Trossingen (D) tätig. Aktuell unterrichtet er an der universität für Musik und darstellende Kunst Wien und an der Kunst-universität Graz, wo er sich 2023 habilitiert hat. Er ist Mitglied und Soloklarinettist der Akademie für Alte Musik Berlin, außerdem musiziert er u. a. mit dem Collegium 1704 in Prag, dem Concentus Musicus Wien und demAustralian Chamber Orchestra. Sein Wirken als Solist, Kammer- und Orchestermusiker ist auf über 60 Tonträgern dokumentiert. Als ausgebildeter Kindergarten-Helfer und Weltraum-Enthusiast interessiert sich Ernst Schlader auch für Themen abseits der Musik. Im Jahr 975 gründete Bischof Wolfgang eine eigene Domschule, die neben dem allgemeinbildenden unterricht besonderen Wert auf die musikalische Ausbildung legte. Es ist die Geburtsstunde der regensburger Domspatzen. Mit ihrer 1050jährigen Tradition sind sie wohl einer der ältesten Knabenchöre weltweit. Den Schülern war damals schon der liturgische Gesang in der Bischofskirche übertragen. Bis heute sind sie der Domchor der Regensburger Kathedrale. An den Hochfesten der Kirche und an den Sonn- und Feiertagen während der Schulzeit sind sie im Dom St. Peter zu hören. Egal, wo die jungen Musiker auftreten, der Applaus klingt in allen Sprachen der Welt gleich: begeistert. Es ist dieser klare und warme Chorklang, der die Domspatzen über Jahrzehnte hin berühmt und unverwechselbar gemacht hat. Das umfangreiche musikalische Repertoire der Domspatzen reicht von den ältesten Gesängen der Kirche, dem Gregorianischen Choral, über die Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts (mit Werken von Palestrina, di Lasso und Hassler), den Barock und die Romantik bis hin zum Volkslied und Werken zeitgenössischer Komponisten. Im Januar 2023 erschien die erste CD-Aufnahme „Erschaffen“ unter der Leitung von Domkapellmeister Christian Heiß (erschienen beim Label Spektral); im vergangenen Jahr, zum Jubiläum der Domspatzen, gleich die zweite mit dem schlichten Titel „1050“. Das Singen im Chor ist eingebunden in die Bildungsaufgabe des Gymnasiums, das die Domspatzen als Internats-, Tages- oder Stadtschüler besuchen. neben dem Chor des Domkapellmeisters gibt es noch zwei weitere Knabenchöre mit je einer eigenen Chorleitung. Seit 2022 nehmen die Domspatzen auch Mädchen auf, die einen eigenen Mädchenchor am Regensburger Dom bilden. Seit 2024 gehören die Regensburger Domspatzen als einer der „Vier Knabenchöre Bayerns“ zum Immateriellen Kulturerbe. Im Rahmen der Tage Alter Musik Regensburg konzertierten die Regensburger Domspatzen mit La Grande Ecurie et la Chambre du Roy (1986), Musica Florea Prag (2000, 2024), Akademie für Alte Musik Berlin (2004, 2008, 2010, 2012), L’Orfeo Barockorchester (2009, 2015, 2016, 2017), Concerto Köln (2007, 2011, 2013, 2018), der Hofkapelle München (2019, 2021, 2022), L’arpa festante (2023) und La Cetra Basel (2025). Seit 2019 hat Christian Heiß das Amt des Domkapellmeisters in Regensburg inne. Heiß war selbst ein Domspatz. Er absolvierte nach demAbitur das Studium der Kirchenmusik mit dem Fach Orgel an der Musikhochschule in München, unter anderem bei Franz Lehrndorfer. Seine Studien beendete er mit dem Kirchenmusik-A-Diplom und demMeisterklassendiplom in Orgel. 1999 wurde er zum Domorganisten in Eichstätt berufen. 2002 wechselte er in der nachfolge Christan Heiß, Domkapellmeister Foto: Michael Vogl Lara Rieken, Sopran Sinja Maschke, Mezzo-Sopran Foto: Stefan Weiss Tage alTer Musik regensburg Mai 2026 8

von Professor Wolfram Menschick in das Amt des Eichstätter Domkapellmeisters. In dieser Funktion leitete er die Chöre der Eichstätter Dommusik (Domchor, Schola Gregoriana und Jugendkantorei). Zusätzlich trug er als Diözesanmusikdirektor und Leiter des Amtes für Kirchenmusik die Verantwortung für die diözesane Kirchenmusik im Bistum Eichstätt. Bereits in jungen Jahren ist Lara rieken (Sopran) als Opern- und Konzertsängerin auf internationalen Bühnen zu erleben. Engagements führten sie an renommierte Spielstätten wie den Musikverein Wien, die Deutsche Oper Berlin, die Alte Oper Frankfurt, die Liederhalle Stuttgart, den Lisinski Konzertsaal in Zagreb sowie zum Rheingau Musik Festival. Ihre herausragenden Leistungen wurden mit zahlreichen Preisen gewürdigt, darunter der Bundeswettbewerb Gesang 2022 und der Wettbewerb der FritzWunderlich-Gesellschaft 2023. Seit der Spielzeit 2025/26 gehört Lara Rieken zum festen Ensemble des Theaters Trier. neben ihrer Operntätigkeit setzt sich Lara Rieken intensiv mit dem Kunstlied auseinander. Beim Festival „Liedstadt Hamburg“ wirkte sie gemeinsam mit Christoph Prégardien und der Pianistin Marlene Heiß an einem alternativen Liedprogramm zum Thema „Das Mädchen und der Tod“ mit. Ihre musikalische Ausbildung begann Lara Rieken an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt amMain als Jungstudentin der Young Academy. Ihren Bachelor absolvierte sie mit Auszeichnung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, wo sie derzeit – weiterhin in der Klasse von Prof. Thilo Dahlmann – ihr Masterstudium im Fach Gesang fortsetzt. Die Mezzo-Sopranistin Sinja Maschke erhielt ihre stimmliche Ausbildung an der Anton-Bruckner-Privatuniversität Linz, wo sie 2020 ihr Masterstudium mit Auszeichnung abschloss. Bereits während ihrer Studienzeit begann sie ihre Karriere als Solistin und trat in Deutschland, Österreich und Italien bei namhaften Festivals und in Opernhäusern auf. Zuletzt feierte sie ihr Debüt bei den Festspielen Europäische Wochen Passau. Regelmäßig gastiert sie am Musiktheater Linz, unter anderem als Bianca in Benjamin Brittens Oper „The Rape of Lucretia“ und als Bradamante in Georg Friedrich Händels Oper „Alcina“. Besonders erwähnenswert ist ihre Mitwirkung in der uraufführung der Kinderoper „Die Katze, die ihre eigenen Wege ging” von Mike Svoboda amMusiktheater Linz. neben Oper und Operette gilt ihre große Leidenschaft den Oratorien und Kantaten, die sie bereits an namhafte Orte wie die Stiftskirche St. Florian, die Basilika Mariazell, den Passauer Dom und das Brucknerhaus Linz führte. Auch ihr geistliches Repertoire ist vielseitig und umfasst Klassiker wie die Weihnachtsoratorien von Johann Sebastian Bach und Camille Saint-Saëns, den Messias von Georg Friedrich Händel und das Gloria von Antonio Vivaldi. Derzeit hat sie ein festes Engagement am Pfalztheater Kaiserslautern. Julian Habermann (Tenor) wurde 1993 in Freising geboren und begann seine Karriere als Chorknabe bei den Regensburger Domspatzen. Er studierte an der Hochschule für Musik Würzburg bei Christian Elsner und an der Musikhochschule Frankfurt bei Hedwig Fassbender und Thilo Dahlmann. Seit 2021 arbeitet der Künstler mit Lioba Braun. In der Spielzeit 2024/25 war Julian Habermann mit einem Teilspielzeitvertrag an das Mainfranken Theater Würzburg gebunden. 2018 wurde ihm der Preis der Stiftung Rosenbaum verliehen. Zudem war er Stipendiat der Lied-Akademie des Internationalen Musikfestivals Heidelberger Frühling. Der Künstler war mehrfach Teilnehmer der »Liederwerkstatt« beim »Kissinger Sommer« mit den Pianisten Axel Bauni, Jan Philip Schulze und Steffen Schleiermacher und wurde 2019 mit dem Luitpoldpreis des internationalen Musikfestivals ausgezeichnet. Von 2019–2022 war er Ensemblemitglied des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Julian Habermann ist ein europaweit gefragter Konzertsolist. Seit 2021 arbeitet er regelmäßig mit der Gaechinger Cantorey unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann zusammen. Der Bariton Matthias Lika wurde im Dezember 2024 erster Preisträger beim Bundeswettbewerb Gesang in Berlin. 1994 in Friedberg bei Augsburg geboren, wuchs er in einer musikalischen Familie auf. Seinen ersten Gesangsunterricht erhielt er von seinem Vater Peter Lika. Seine musikalische Grundausbildung sowie erste solistische Erfahrungen sammelte er bei den Augsburger Domsingknaben und am musischen Gymnasium bei St. Stephan. Im Sommer 2025 schloss er seinen Master an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart in der Klasse von Professor Thilo Dahlmann und in der Liedklasse von Prof. Götz Payer mit Auszeichnung ab. Zuvor absolvierte er sein Gesangsstudium am Leopold-Mozart-Zentrum der universität Augsburg. Seine rege Konzerttätigkeit führte ihn mit namhaften Klangkörpern wie der Hofkapelle München, dem JSB Ensemble, den Bad Reichenhaller Philharmonikern, La Ciaccona, La Banda, L’arpa festante, dem Bachorchester Würzburg, dem Schwäbischen Jugendsinfonieorchester und der Heidelberger Studentenkantorei zusammen. Auch auf der Opernbühne fühlt er sich zuhause. Matthias Lika ist Stipendiat bei Live Music nowAugsburg e.V. und erhielt 2021 den Kunstförderpreis der Stadt Augsburg sowie 2023 einen Förderpreis beimOberstdorfer Musiksommer. Tage alTer Musik regensburg Konzert 1 Matthias Lika, Bass Foto: Dominik Koziol Julian Habermann, Tenor Foto: Christian Palm 9

zum Programm: „Jubel“ – Werke von Felix Mendelssohn bartholdy und Carl Maria von Weber Anlässlich des 200. Todestages Carl Maria von Webers (1786–1826) stehen heuer gleich zwei seiner Werke im Mittelpunkt des Eröffnungskonzerts der 41. Tage Alter Musik 2026. Die Regensburger Domspatzen und Musica Florea Prag präsentieren die sog. „Jubelmesse“ in G-Dur; außerdem können sich die Zuhörer:innen auf Webers beliebtes Klarinettenkonzert in f-Moll sowie Psalm 115 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) freuen. Mit der musikalischen umsetzung von Psalmversen hatte sich Mendelssohn Bartholdy bereits seit Beginn der 1820er Jahre während seines Kompositionsunterrichts bei Carl Friedrich Zelter auseinandergesetzt. Die Komposition des 115. Psalms „Non nobis Domine“ / „Nicht unserm Namen, Herr“ op. 31 bildete wenige Jahre später den Auftakt zu einer Reihe von großbesetzten Psalmvertonungen für Solostimmen, Chor und Orchester, die Mendelssohns Ruf als Komponisten geistlicher Musik bereits zu Lebzeiten festigten. Zu dieser Gruppe zählen außerdem Psalm 42 „Wie der Hirsch schreit“ op. 42, Psalm 95 „Kommt lasst uns anbeten“ op. 46, Psalm 98 „Singet dem Herrn“ op. 91 und Psalm 114 „Da Israel aus Ägypten zog“ op. 51. Die Titel dieser Werke lassen unschwer erkennen, dass Mendelssohn nur Psalm 115 ursprünglich den lateinischen Text der Vulgata (dort Psalm 113) zugrunde legte, während er später ausschließlich entweder Übersetzungen Luthers verwendete oder sich an ihnen orientierte. nach der Wiederaufführung von Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion unter der Leitung Mendelssohns im März 1829 hatte sich dieser imApril des Jahres auf seine erste Reise nach England begeben, wo man ihm in London freien Zutritt zumHandschriftenfundus des British Museum, darin zahlreiche Werke Georg Friedrich Händels, gewährte. nach Rücksprache mit Zelter fertigte er im Herbst 1829 eine Kopie der Partitur des von ihm offensichtlich sehr geschätzten Dixit Dominus für Soli, fünfstimmigen Chor und Orchester HWV 232 (Psalm 110) Händels an, das ihn zur Vertonung des „Non nobis Domine“ inspiriert haben dürfte. Einige Skizzen zum Eingangssatz entstanden tatsächlich zeitnah noch vor der Rückkehr nach Berlin Anfang Dezember. Eine erste Fassung des 115. Psalms mit lateinischem Text schloss er während seines Italien-Aufenthaltes Mitte november 1830 in Rom ab, um seiner Schwester Fanny die Partitur nachträglich als Geburtstagsgeschenk zum 14. november überreichen zu können. uraufgeführt wurde das Werk knapp vier Jahre später am 19. november 1834 in Frankfurt am Main mit dem dortigen Cäcilienverein unter der Leitung von Johann nikolaus Schelble. Erst im folgenden Jahr entschloss sich Mendelssohn zur Veröffentlichung seiner ersten größeren Psalmkomposition bei Simrock in Bonn, unterzog diese aber zuvor einer gründlichen Revision. Auf Wunsch des Verlages unterlegte er dem lateinischen Text nun auch eine eigene deutsche Übersetzung. Partitur und Klavierauszug erschienen schließlich im Oktober 1835, übrigens im gleichen Jahr wie Webers Jubelmesse. Diese zweite Fassung erklang erstmals mit Orchester im Februar 1838 unter Mendelssohns Leitung in einem Konzert, in dem auch Psalm 42 zur uraufführung gelangte. Der Text besteht aus von Mendelssohn selbst ausgewählten Versen des Psalms 115, wobei er auf die Vertonung der Verse 4 bis 8 sowie 15 und 16 verzichtete und am Ende des Schlusssatzes noch einmal auf die Verse 1 und 2 zurückgriff. In dem viersätzigen Werk umschließen zwei Chöre mit den Versen 1–3 (nr. 1, Vs. 3 nur im deutschen Text) bzw. 17–18 (nr. 4) einen überwiegend lyrischen Mittelteil, bestehend aus einem Duett Sopran/Tenor mit Chor (nr. 3, Vs. 9–13), das attacca in ein Arioso des Baritons übergeht (nr. 4, Vs. 14). Mit dem oben erwähnten Dixit Dominus Händels verbindet Mendelssohns Opus 31 etwa die Wahl der Tonika g-Moll, die Kombination von Fugatotechnik und choralähnlicher Motivik, bei Mendelssohn vor allem in nr. 1, der Rückgriff auf den Beginn eines Satzes an dessen Ende (hier ebenfalls in nr. 1) sowie die Verwendung von Grave-Einleitungen (hier in nr. 4). Bei Letzterer dürfte es sich wohl um eine der bemerkenswertesten Passagen des gesamten Werkes handeln: nach dem äußerst zurückgenommenen Pianissimo-Schluss der vorausgehenden nummer verkündet der nun achtstimmige Chor a cappella im Forte „Die Toten werden dich nicht loben, o Herr“, bevor der Satz mit der textlichen Wiederholung der Anfangsverse zwar im Tutti, aber dennoch verhalten und piano schließt. Carl Maria von Weber ist uns heute vor allem als Komponist deutschsprachiger Opern wie Der Freischütz, aber auch von Konzerten für Klavier, Klarinette oder Fagott bekannt. Darüber hinaus wirkte er als Dirigent, Musikkritiker und als Konzertpianist. nachAnstellungen in Breslau (1804–1806) und Stuttgart (1807–1810) führte ihn seine Konzerttätigkeit in den südwestdeutschen Raum und nach Süddeutschland, wo er am 14. März 1811 in München eintraf. nur fünf Tage nach seiner Ankunft erhielt Weber mit Hilfe diverser Empfehlungsschreiben am 19. März in einer ersten Audienz bei Königin Karoline Friederike Wilhelmine die Erlaubnis zur Veranstaltung eines Konzerts am Hof. Im Rahmen dieses Konzertes am 5. April des Jahres spielte die Hofkapelle unter der Leitung von Ferdinand Fränzl nicht nur eine Sinfonie und ein Klavierkonzert Webers, sondern auch das für den renommierten Hofklarinettisten Heinrich Joseph Baermann (1784–1847) komponierte Concertino für Klarinette und Orchester in Es-Dur op. 26. Aufgrund des großen Erfolges der Veranstaltung gab König Maximilian I. bei Weber weitere Konzerte in Auftrag, darunter die beiden Klarinettenkonzerte in f-Moll und Es-Dur. Carl Maria von Weber, 1832 von Caroline Bardua (1781-1864) Tage alTer Musik regensburg Mai 2026 10

Das Konzert für Klarinette und Orchester Nr. 1 in f-Moll op. 73 entstand laut Webers Tagebuch zwischen dem 18. April und dem 17. Mai 1811. Die viel bejubelte uraufführung fand am 13. Juni 1811 im Münchner Redoutensaal mit Heinrich Baermann, dem ersten Klarinettisten der Münchner Hofkapelle, als Solisten statt. nach einer Konzertreise in die Schweiz kehrte Weber nach München zurück, bevor er am 1. Dezember mit Baermann, mit dem ihn schon bald eine enge und in künstlerischer Hinsicht inspirierende Freundschaft verbunden hatte, zu einer gemeinsamen Tournee aufbrach, bei der sie in Prag, Dresden, Leipzig, Gotha und Berlin unter anderem die beiden Klarinettenkonzerte aufführten. An Baermann schätzte Weber übrigens vor allem seine „vollkommene Gleichheit des Tones von oben bis unten“ sowie seinen „himlisch geschmakvollen Vortrag“ (Tagebuch 1812). Durch ihn, der im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen ein Instrument mit zehn Klappen aus der angesehenen Werkstatt von Griessling und Schlott spielte, hatte Weber in kürzester Zeit die Techniken und klanglichen Möglichkeiten eines Instruments kennengelernt, das sich im 19. Jahrhundert zunehmender Beliebtheit erfreute. Da Weber seinem Freund mutmaßlich ein exklusives Aufführungsrecht für beide Klarinettenkonzerte in f-Moll op. 73 und in Es-Dur op. 74 eingeräumt hatte, wurden diese erst 1823 bei Schlesinger in Berlin veröffentlicht. In musikalischer Hinsicht entspricht das f-Moll-Konzert zunächst durch die dreisätzige Anlage in der Folge schnell – langsam – schnell den Konventionen der Zeit. Doch vermeidet Weber bereits im elegischen Allegro-Kopfsatz mit Exposition, Durchführung, veränderter Reprise und Coda die übliche Trennung zwischen Tutti- und Soloexposition. Zugunsten einer einheitlichen Entwicklung des Satzes bestimmt der Verzicht auf den strukturbestimmenden Wechsel zwischen Orchester und Solist auch die beiden anderen Sätze, das kantable Adagio ma non troppo und das hochvirtuose Rondo-Finale in FDur. Der zweite Satz (C-Dur) überrascht insbesondere durch die Ausnutzung ungewöhnlicher Klangfarbenkombinationen: nach einem Kantilenenabschnitt der Klarinette, an den sich ein schnellerer (poco più animato), von Dreiklangsbrechungen der Klarinette geprägter Teil anschließt, stellt Weber im Es-Dur-Mittelteil der improvisatorisch wirkenden Klarinette in tiefer Lage drei tiefe Hörner con sordini mit neuer kantabler Motivik gegenüber. Der Satz klingt schließlich nach einer verkürzten Wiederholung des ersten Abschnitts mit einer Heinrich Baermann (1784–1847) gilt als einer der bedeutendsten Klarinettisten der Frühromantik. Als Hofmusiker in München begeisterte er Publikum und Komponisten gleichermaßen mit seinemwarmen Ton, seiner Virtuosität und einer für die Zeit außergewöhnlich gesanglichen Spielweise. Besonders eng war seine Zusammenarbeit mit Carl Maria von Weber, der für Baermann berühmte Klarinettenwerke schrieb – und auch Felix Mendelssohn sowie Giacomo Meyerbeer ließen sich von seinem Können inspirieren. 1832 kam es in Berlin zu einem bemerkenswerten Handel. Heinrich und sein ebenso als Klarinettist begabter Sohn Carl tauschten Musik gegen Kulinarisches: Die Baermanns versprachen Felix Mendelssohn Bartholdy eine große Portion Dampfnudeln und Rahmstrudel, imGegenzug erhielten die beiden das „Große Duett für Dampfnudel oder Rahmstrudel“ (Konzertstück für Klarinette, Bassetthorn und Klavier, Opus 113). Die Mehlspeisen und die Komposition entstanden parallel; alle Beteiligten waren dabei mit Kochschürzen und Kochmützen gekleidet. Einige Tage später wiederholten sie diesen Tausch, und so entstand – wie Carl Baermann 1882 in seinen Erinnerungen eines alten Musikanten berichtet – auch das Konzertstück Opus 114. Carl Baermann komponierte vermutlich um die Jahrhundertmitte für Webers erstes Klarinettenkonzert eine virtuose Kadenz mit Orchesterbegleitung, die im ersten Satz bei Takt 143 eingefügt werden kann. Bei der Aufführung im Rahmen der Tage Alter Musik Regensburg wird diese Kadenz erklingen, auch wenn es sich um eine spätere Hinzufügung handelt – sie ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil der Aufführungstradition geworden und zu gut gemacht, um sie einfach zu streichen. Carl Baermanns nachträglich ergänzte dynamische, artikulatorische und musikalische Anweisungen spiegeln jedoch den Geschmack der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und nicht unbedingt die Spielweise seines Vaters Heinrich wider. Es ist daher sinnvoll, sich behutsam derjenigen Fassung zu nähern, die Weber ursprünglich geschaffen hat. Autor: Ernst Schlader Heinrich Joseph Baermann, Druckgrafik 1829, Bildarchiv Stadtmuseum München Tage alTer Musik regensburg Konzert 1 Felix Mendelssohn Bartholdy, 1833 von Eduard Magnus (1799-1872) 11

achttaktigen Variante des Hornabschnitts im Pianissimo aus. Heinrich Baermann unterlegte den drei Hornstimmen später das folgende Huldigungsgedicht Eduard von Schenks für den früh verstorbenen Weber und ließ diese in Berliner Konzerten 1827 und 1831 von Männerstimmen vortragen: „Er ist dahin, der Schöpfer dieser Klänge! / Der hohe Meister, der von hinnen schied, / er lehrt den Engelchören nun Gesänge; / doch ewig lebt auf Erden auch sein Lied!“ Dass die Rezipienten im f-Moll-Konzert hinter der Abfolge der drei Sätze einen – von Weber mutmaßlich intendierten – programmatischen Hintergrund vermuteten, bezeugt eine anonyme Besprechung in der Berliner allgemeinen musikalischen Zeitung des Jahres 1827: „Der letzte Satz des Konzerts, ein Rondo Allegretto, zeigt, dass der vorher Klagende [1. Satz], dann Getröstete [2. Satz], sich jetzt in Lust und Freude bewegt, doch aber noch dann und wann seinem vorherigen Trübsinn sich ergiebt, gewiss, um sich seines jetzigen Glückes recht zu freuen.“ Seine Konzertreisen setzte Weber noch bis gegen Ende des Jahres 1812 fort, nahm dann eine Anstellung als Kapellmeister in Prag an, bevor er sich ab 1817 in Dresden niederließ. Der sächsische Hof engagierte ihn im Januar des Jahres zunächst als „Musik-Director der deutschen Oper“, in dessen Zuständigkeitsbereich auch die Hofkirchenmusik lag, ernannte ihn aber schon im folgenden Monat zum „königlich sächsischen Kapellmeister“ neben Francesco Morlacchi, dem Direktor der italienischen Oper. In den Dresdner Jahren bis zu seinem Tod komponierte Weber unter anderem neben seinen wohl bekanntesten, jedoch für auswärtige Bühnen bestimmten Opern Der Freischütz, Euryanthe und Oberon als einzige kirchenmusikalischen Werke die beiden Missae sanctae für Soli, Chor und Orchester in Es-Dur op. 75 (nr. 1) und G-Dur op. 76 (nr. 2). Die zweite dieser beiden Messen, die Missa sancta in G-Dur, gehört zu einer Gruppe von vier Huldigungsmusiken, die Weber 1818/19 für seinen Dienstherrn, den sächsischen König Friedrich August I., komponierte: die Missa sancta Nr. 1 in Es-Dur zur Feier des namenstages des Königs im März 1818, die Jubel-Kantate Erhebt den Lobgesang op. 58 nebst der Jubel-Ouvertüre op. 59 zur Feier seines 50jährigen Regierungsantritts im September 1818, und schließlich die G-DurMesse zur Feier des 50. Hochzeitstags des Königspaares am 17. Januar 1819. Den Gepflogenheiten der Hofkirchenmusik entsprechend hatte Weber für beide Messen außer den üblichen fünf Sätzen des Ordinarium missae – Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus mit Benedictus und Agnus Dei – Offertorien komponiert, die zwischen Credo und Sanctus erklingen sollten. In der G-Dur-Messe ersetzte man das Offertorium in C-Dur für Sopran, Chor und Orchester „In die solemnitatis“ bei der uraufführung auf allerhöchsten Befehl durch ein Offertorium in EsDur Morlacchis. Zwischen Gloria und Credo wurde außerdem eine Kirchensymphonie Giovanni Battista Polledros gespielt. Erst bei einer weiteren Aufführung in Dresden am 24. Januar gelangte die Messe mit dem Offertorium Webers zur Aufführung. Die Komposition des Offertoriums hatte Weber am 18. Dezember 1818 abschließen können, die der Messe am 4. Januar 1819. Mit der Arbeit an der G-Dur-Messe, die Weber als eine Art Gegenentwurf zur früher entstandenen Es-Dur-Messe konzipierte, hatte er erst im Oktober 1818 begonnen. Mitte des Monats schrieb er hierzu an den Musikschriftsteller Friedrich Rochlitz: „Habe ich [mich] in der ersten [Messe] ganz meiner ueberzeugung und dem tiefen Gefühl der Größe des Gegenstandes hingegeben, so will ich jezt mir eine froh und fröhlich kindlich bittend und jubelnd zumHerrn betende Schaar denken.“ Gegenüber Gänsbacher umriss Weber im Dezember 1818 die spezifischen Aufführungsbedingungen, an denen sich Messkompositionen für die Dresdner Hofkirche zu orientieren hatten: Sie sollten „so kurz als möglich“ sein – die Jubelmesse dauert etwa eine halbe Stunde – und „ausgeführte dankbare Sopran Solos“ für den CD: Regensburger Domspatzen – 1050 Jahre CD: Ernst Schlader & AKAMUS – Mozart – Klarinettenkonzert Tage alTer Musik regensburg Mai 2026 12

Tage alTer Musik regensburg Konzert 1 Kastraten Filippo Sassaroli enthalten – hier beispielsweise gegen Ende des Credo und im Offertorium. Da die Hofkirche „entsezlich wiederhallt“, empfehle es sich, „sehr in breiten Maßen“ schreiben, schnelle Modulationen zu vermeiden und Trompeten und Pauken „sparsam“ zu verwenden. Zu den bemerkenswertesten Charakteristika der G-Dur-Messe zählen ihr geradezu heiterer Charakter, die Verwendung wiederkehrender Motive vor allem in den textreichen Sätzen Gloria und Credo, die Einbindung von zwei opernhaften Sopransoli im Chor-Fugato „cum sancto spiritu“ gegen Ende des Gloria, die eindringlichen CredoRufe des Chores am Ende des folgenden Satzes oder die Aufstockung des üblichen Bläserapparates von zwei auf vier (!) Hörner im Sanctus. Autorin: Bettina Berlinghoff-Eichler Dieses Konzert wird in Verbindung mit dem Verein „Freunde der Regensburger Domspatzen“ e. V. durchgeführt. Die Regensburger Domspatzen werden von der LIGA-Bank eG unterstützt. Dieses Konzert findet auch schon am Donnerstag, den 21. Mai 2026, um 20.00 uhr in der Dreieinigkeitskirche (Veranstalter: Regensburger Domspatzen) statt. Karten hierfür erhältlich bei: Regensburger Domspatzen, Tel. 0941/7962-0, www.domspatzen.de oder unter www.okticket.de Wir danken Andreas Meixner für die Bereitstellung der Truhenorgel. Konzertdauer: ca. 90 Minuten plus Pause FeLIx MenDeLSSoHn bArtHoLDy (1809-1847) 115. Psalm non nobis Domine/ nicht unserm namen, Herr MWV A 9 (op. 31), 1830 1. Chor: nicht unserm namen, Herr 2. Duett: Israel hofft auf dich 3. Arioso: Er segne euch je mehr 4. Chor: Die Toten werden dich nicht loben CArL MArIA Von Weber (1786-1826) Klarinettenkonzert nr. 1 f-Moll Allegro (f-Moll) (Kadenz: Carl Baermann) Adagio ma non troppo (C-Dur) Rondo-Allegretto (F-Dur) Solist: Ernst Schlader (Klarinette mit 12 Klappen nach Augustin Rorarius, Wien um 1815, nachgebaut von Agnès Guéroult, Paris im Jahr 2010) PAuSE CArL MArIA Von Weber Missa sancta nr. 2 G-Dur „Jubelmesse“ (op. 76) Kyrie Gloria Credo Offertorium „In die solemnitatis“ Sanctus Agnus Dei JUbeL – FeLIx MenDeLSSoHn bArtHoLDy UnD CArL MArIA Von Weber Programm reGenSbUrGer DoMSPAtzen Christian Heiß Gesamtleitung SoLISten Lara rieken Sopran Sinja Maschke Alt Julian Habermann Tenor Matthias Lika Bass ernst Schlader Klarinette MUSICA FLoreA PrAG Marek Štryncl Leitung, Violoncello Magdalena Malá, Markéta Langová, eva Kalová, Kristýna Hodinová, Sarah Flögel, Daniel Podroužek Violine I Simona tydlitátová, Jan Hádek, Veronika Manová, Petra Ščevková, bohumila bidlová Violine II Lýdie Cillerová, Martin Stupka, Veronika Svačinová, Jakub Verner Viola Marek Štryncl, Helena Matyášová, Hana Fleková Violoncello ondřej Štajnochr, Luděk braný Kontrabass Marek Špelina, Anna Špelinová Traversflöte tereza Fritschová, tereza Samsonová Oboe Ludmila Peterková, Marjolein de roos Klarinette Kryštof Lada, Petra budín Fagott Jiří tarantík, Krzystof bialasik, Klára Štrynclová, Miroslav rovenský Horn Jaroslav rouček, Karel Mňuk Trompete Jiří Krob Pauken Filip Dvořák Truhenorgel ausführende 13

Tage alTer Musik regensburg Mai 2026 Das in Marseille ansässige ensemble Irini (griech.: Frieden), 2014 gegründet, zeichnet ein einzigartiger dunkler und warmer Klang aus. Es verzichtet ganz bewusst auf hohe Sopranstimmen. unter der künstlerischen Leitung von Lila Hajosi hat sich das achtköpfige Vokalensemble zu einem vielbeachteten Alte-Musik-Ensemble entwickelt. Besondere Aufmerksamkeit widmet das Ensemble in seinen Konzerten der Gegenüberstellung von Vokalmusik der europäischen Renaissance und orthodoxer Gesangstraditionen. Der musikalische Dialog zwischen westlichem und östlichem Repertoire ist dem Ensemble ein Herzensanliegen. Dabei entstanden verschiedene Konzertprogramme und CD-Produktionen, u.a. „Maria nostra“, „O Sidera“, „Janua“ und „Printemps Sacré, vivre, mourir, (re)naître“. Jüngste Projekte umfassen Musik des venezianischen und byzantinischen Barock („post tenebras spero lucem“) sowie eine multidisziplinäre Aufführung mit dem Titel „Invictae“ für Stimmen, Tanz und Licht. Lila Hajosi war zunächst als Musikwissenschaftlerin und Opernsängerin tätig, die sich auf alte Musik spezialisiert hatte. Sie gründete 2014 das Ensemble Irini, dessen Leiterin sie 2021 wurde. Sie studierte an den Konservatorien inAix-en-Provence und Marseille und schloss ihre Studien an der universität von Montpellier ab. Sie arbeitete mit Jordi Savall und Teodor Currentzis zusammen. Mit dem Ensemble Irini konzertierte sie in vielen französischen Städten und bei den wichtigsten französischen Musikfestivals, aber auch in europäischen Musikzentren wie in Krakau beimMisteria Paschalia, in Genf beim Festival Agapé und in Brügge beim Musica Antiqua-Festival. Das Ensemble Irini wird seit Juni 2025 von der Fondation Singer-Polignac unterstützt. zum Programm: Printemps Sacré – Leben – tod – (Wieder)-Geburt Heinrich Isaac (1450–1517) und georgisch-orthodoxe Gesänge des 15. Jahrhunderts Italien, im 7. Jh. v. Chr.: Die Sabiner, in einen endlosen Krieg mit den umbriern verwickelt, versuchen die Gunst des Kriegsgottes Mars zu erringen, indem sie geloben, ihm alles zu opfern, was im folgenden Jahr geboren wird ensemble Irini (Frankreich) Lila Hajosi Leitung Freitag, 22. Mai 2026, 22.45 Uhr (nachtkonzert) Dominikanerkirche St. blasius Albertus-Magnus-Platz 1 Printemps Sacré Leben – tod – (Wieder)geburt Ensemble Irini Foto: Alice Lemarin 14

Tage alTer Musik regensburg Konzert 2 – wobei sie nur an Vieh und Ernte denken. Doch in der Stunde des Sieges und der Einlösung des Versprechens antwortet der Gott auf die Opfergaben – der ewigen Ironie des Schicksals folgend – mit einer Hungersnot. Die Sabiner erkennen nun, dass die Kiefer des faor („Spruch, Vorherbestimmung“; das altlateinische Wort für fatum, Schicksal) sie zermalmen werden. Das „Sprechen“, das das unendliche universum auf die Größe der menschlichen Sprache zurechtstutzen will, muss seine Ohnmacht erkennen. Denn, „was geboren wird“, beinhaltet in den Ohren des Gottes auch die Kinder der Menschen. Die Sabiner erkennen ihre Hybris und akzeptieren den Hinweis des Gottes. Allerdings töten sie ihre Kinder nicht, um sie dem Gott zu opfern, sondern weihen sie ihm, d.h. sie stellen sie unter seine Obhut und erziehen sie abgetrennt von den anderen (ursprünglich bedeutet sacer facere „absondern und einer besonderen Bestimmung zuführen“). Als diese Kinder herangewachsen waren, wurden sie weggeschickt, um neues Land zu finden und ein neues Volk zu gründen. So entstanden unter den wohlwollenden Augen des Kriegsgottes die Samniten. Der Ritus des ver sacrum (des „heiligen Frühlings“) war geboren. Das Opfermesser hat kein Fleisch verletzt, es hat abgesondert und geweiht und damit neues Leben erschaffen. In der Erkenntnis und dem Akzeptieren unserer Ohnmacht angesichts der unbegreiflichkeit des universums und des unerbittlichen Kreislaufs von Leben und Tod kann also eine Form der Transzendenz entstehen, die in unser Genom eingeschrieben ist: der Sinn für das Heilige, das Besondere im ursprünglichen Sinn. Printemps sacré bedeutet für mich HIC SACER („hier ist der geweihte Ort“). Dies sind nämlich die Worte, die ich in Großbuchstaben über dem Eingang zum Chor des Klosters von Saorge las und die mich so tief berührten, dass ich unser Programm unter dieses Motto stellen wollte. Printemps sacré erzählt einen Weg ohne Wiederkehr, zwischen Vergangenheit und Zukunft, die Wahrnehmung einer „Katastrophe“, die einen jähen und völligen Wandel der derzeitigen Situation bedeutet. Es ist das Aufgeben eines vorherigen Zustands, das allein eine Zukunft ermöglicht. Es geht um die ewige Abfolge von Leben, Tod und Wiedergeburt, die unseren Körpern seit urzeiten eingeschrieben ist. Dieses Programm entstand 2021 an der Schnittstelle zweier Ereignisse: das erste betraf uns alle, die weltweite Pandemie, das zweite traf mich persönlich im Zusammenhang mit dem ersten: der Verlust meiner Stimme. Das aber führte zu meiner Wiedergeburt, und zwar auf der anderen Seite des notenpults. Für mich und das Ensemble Irini markiert Printemps sacré einen Wendepunkt und Richtungswechsel, einen Sprung ins unbekannte, weg vom bisherigen Gesangstrio hin zur Chorleitung. Für uns alle ist es eine neue Erfahrung, quasi eine neugeburt nach so manchen Wehen. Doch gemeinsam haben wir es geschafft. Leben –tod – (Wieder-)Geburt In einem A-Capella-Chor zu acht Stimmen erzählt das Ensemble Irini, demAriadnefaden folgend, in drei Akten eine sogenannte „Bildungsreise“, von der Krise bis zur Resilienz, der Wiedergeburt. Entstanden in den Zeiten der Verunsicherung, zwischen Epidemien, Klimawandel, Krieg und identitären Verbiegungen will Printemps sacré Hoffnung bringen mit einer Ode an das Leben, die Freude und die Hoffnung! unsere allegorische Erzählung folgt zwei gebrochenen Schicksalen: Auf der einen Seite steht ein außergewöhnlicher Komponist: Heinrich Isaac (1450-1517), ein Genie der franko-flämischen Schule, Zeitgenosse von Josquin Desprez, Erbe von Dufay und Binchois, der die Schrecken des Krieges kannte und das Zusammenbrechen seiner Welt durch die umwälzungen unter Savonarola, den Fall des Hauses der Medici, ein langes Exil und schließlich die ersehnte Rückkehr in sein geliebtes Florenz am Ende seines Lebens. Auf der anderen Seite steht als Spiegelbild: ein ständig von Kriegen und Invasionen erschüttertes Land, dessen musikalisches Erbe – allein schon durch seine Existenz ein Akt der Rebellion – erst vor kurzem von der unESCO gewürdigt wurde. In dieser Dialektik von Zerfall und Entstehung finden also die außergewöhnliche Musik von Heinrich Isaac, diesem Genie der italo-flämischen Renaissance, und die liturgischen Gesänge Georgiens ihren Widerhall. Ein Mann und ein Land zu Beginn des 16. Jahrhunderts, beide gekennzeichnet von Exil, Trennung, dem Zerfall ihrer Welt; beide haben das Leben wie eine transzendentale Vereinigung von Mensch, natur und Himmel gefeiert! Der Bogen eines Menschenlebens erstreckt sich zwischen Eros und Thanatos, vom Hohelied bis zu den Totengesängen der georgischen Liturgie, bis zum Grab von Lorenzo de’ Medici. Die Annäherung zwischen diesen beiden universen geschieht über den Begriff der Polyphonie, ihrer vertikalen Ausrichtung im Zusammenklang und ihrer horizontalen Ausrichtung in der Melodieführung. Die georgischen geistlichen Gesänge sind tatsächlich die einzigen in der orthodoxen Welt, die originär polyphon, aber homorhythmisch sind, während sich in der griechischen und russischen Orthodoxie die Begleitung der Melodie anpasst oder die Melodie harmonisch begleitet wird wie in den Madrigalen der Renaissance. Wenn jede Stimme in den Motetten mit cantus firmus (durchgehend oder auf die einzelnen Stimmen verteilt) eine eigene melodische Existenz hat und die musikalische Struktur auf einer gegebenen Melodie fußt, besteht die intellektuelle und künstlerische Meisterschaft darin, Ebenen von außergewöhnlicher Komplexität zusammenzuführen (von den isorhythmischen Tenorstimmen von Dufay bis hin zu den quasi-mathematischen Kunststücken von Ockeghem) und sie in einer harmonischen Struktur zu vereinen. Lila Hajosi Foto: Luca Concas 15

Tage alTer Musik regensburg Konzert 2 Heinrich Isaac Die Biographen wissen nichts Genaueres über den Geburtsort von Isaac (er stammt wohl aus Flandern) und sein Geburtsjahr (um 1450). Über seine ersten Jahre ist nichts bekannt. Aber noch recht jung erwirbt er sich seine ersten Meriten und einen exzellenten Ruf als Musiker. Von da an steht ihm ganz Europa offen. 1485 tritt er in Florenz als Kantor und Komponist in die Dienste von Lorenzo de’ Medici. Dieser etabliert ihn in Florenz, findet eine Ehefrau für ihn und vertraut ihm die musikalische Erziehung seiner Kinder an, darunter auch Giovanni, des zukünftigen Papstes Leo X. Lorenzo geht sogar so weit, die Kompositionen Isaacs in Manuskriptform oder, je nach Bedeutung, in prächtiger Ausstattung seinen Gästen als Geschenk zu übergeben. Der Komponist seinerseits vertont den Lieblingsdichter des „Prinzen“: Angelo Poliziano. Mit dessen Versen wird er auch in seinem außergewöhnlichen Quis dabit capiti meo aquam? den Tod von Lorenzo 1492 beweinen. Mit Lorenzo il Magnifico geht auch Florenz, die geliebte Wahlheimat von Isaac, unter. Angesichts der allgemeinen Feindseligkeit den Medici gegenüber, insbesondere von Savonarola entfacht, knickt auch Pietro il Infortunato ein, und seine Verbannung 1494 beendet die Herrschaft des Wappens mit den sechs Kugeln. Das Kind, das seinerzeit Isaac in Musik unterrichtet hat, ertrinkt – nicht einmal zehn Jahre nach diesen Ereignissen – mit 31 Jahren auf der Flucht. Der andere Sohn, Giovanni, war Kardinal geworden und musste in der Verkleidung eines Franziskanermönchs fliehen. Isaac selbst geht mit seiner Frau nach Österreich ins Exil und tritt in die Dienste von Maximilian I., dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Als sich Isaac 1502 in Ferrara um eine Stelle bewirbt, wird ihm ein gewisser Josquin Desprez vorgezogen. Das berühmte Ablehnungsschreiben ist noch erhalten. Mit Hilfe der spanischen Armee und von Papst Julius II. kommen die Medici 1512 wieder nach Florenz, und endlich kann auch Isaac 1515 in seine Wahlheimat zurückkehren. Kaiser Maximilian erlaubt ihm, quasi auf dem Sterbebett, für immer nach Florenz zu gehen und stattet ihn dafür mit einer lebenslangen, großzügigen Pension aus. Von hier aus knüpft Isaac wieder Kontakte zu seinem ehemaligen Schüler, dem jetzigen Papst Leo X. Schließlich stirbt Isaac 1517 in seinem geliebten Florenz, das er so vermisst hatte in den 21 Jahren seines Exils. Die Musik von Isaac stellt insoweit eine Besonderheit dar, als sie zwischen der späten Erhabenheit der Motette mit dem Cantus firmus im Tenor und der Modernität der Renaissance mit einem Cantus firmus, der sich über alle Stimmen verteilt (mit Kanons, Imitationen usw.) steht. Diese perfekte Verbindung des alten und des neuen Stils zeigt sich beeindruckend in der Motette Virgo prudentissima. Die monumentale und doch so sensible und sinnliche Struktur von Isaacs Motetten zeigt, dass das Mittelalter zu Ende geht und eine neue Ära anbricht, die Ära der Madrigale mit dem Ausdruck von Emotionen als ihrem grundlegenden Prinzip. Einige der Interpreten der Musik von Isaac neigen dazu, sein Werk mehr in Richtung Renaissance zu treiben und vor allem mit vielen „ficta“ die Lesart der Modalität zu verändern, um Dissonanzen zu vermeiden. Das Ensemble Irini hat sich aber zum Ziel gesetzt, die ursprüngliche mittelalterliche Tonalität zur Geltung zu bringen, indem es nur auf einige wenige, seit langem überlieferte Alterationen zurückgreift. Keine Schnörkel, kein Feuerwerk bei Isaac: jede note, jede Stimme arbeitet wie ein uhrwerk und mutet an wie perfekte Mechanik und Technik, gleichzeitig aber wie ein lebender Körper von einzigartiger Sensibilität. Diese komplexe Verschränkung wird erst mit dem Gesang wirklich deutlich. Darin kommt er einem J.S. Bach sehr nahe – zwei Jahrhunderte früher. Liturgische Gesänge aus Georgien Zu der Zeit, als Isaac aus Florenz ins Exil ging, war Georgien, die letzte christliche Bastion östlich des Schwarzen Meers, durch die blutigen Kriege zwischen den muslimischen Osmanen und Persern gerade brutal in drei Teile zerrissen worden – ein kleiner Teil blieb georgisch. Doch beendete diese Dreiteilung des Landes nicht die Grausamkeiten, und die Kriegsherren, muslimisch oder nicht, kämpften hartnäckig um die Vorherrschaft. In diesen unablässigen internen und externen Kriegen wurde das georgische kulturelle Erbe schwer beschädigt. So setzten die Osmanen 1510 das Kloster Ghelati, das als zweiter Berg Athos galt und im 14. Jh. das religiöse Zentrum Georgiens war, in Brand und zerstörten es. Auch wenn noch zahlreiche schriftliche Aufzeichnungen der georgischen Gesänge erhalten sind, gibt es keine genaueren Erläuterungen zur Aufführungspraxis. Alles, womit georgische und internationale Musikwissenschaftler bei der Wiederherstellung und der Analyse arbeiten konnten, beruht auf mündlichen Überlieferungen und den Aufnahmen der Gesänge zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihren Bemühungen verdanken wir das Überleben des musikalischen Erbes eines Landes, das über Jahrhunderte hinweg seiner Kultur beraubt wurde, das annektiert, erobert und assimiliert wurde. So konnte dieses musikalische Erbe, die Frucht eines langen Weges der Resilienz und des Widerstands, nie ganz verschwinden und bietet dank der internationalen Zusammenarbeit unter FühDas Ensemble Irini bei der CD-Aufnahme in der Kirche Notre-Dame des Miracles Foto: Yulika Sève 17

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