Tage alTer Musik regensburg Konzert 5 das Miserere in c-Moll, jeweils für fünf Stimmen, entstanden wohl in neapel und sind dank des römischen Sammlers Fortunato Santini (1777–1861), der sie auf 1714 bzw. 1715 datiert, in einer späten Kopie erhalten. Stilanalysen stützen diese Datierungen, da sie Merkmale von Scarlattis neapolitanischer Periode aufweisen. Beide Werke folgen der gleichen Struktur mit fünf Abschnitten in verschiedenen Tempi, die von Partien im 3/2-Takt unterbrochen sind. Beide zeigen eine feine Ausgewogenheit zwischen einer musikalischen Sprache, die dem Text folgt, und einer planmäßigen Struktur, die bestimmte musikalische Motive immer wieder aufnimmt. Das Miserere in c-Moll variiert die Partien des Vorsängers, manchmal mit imitativem Kontrapunkt, manchmal mit homophonen Passagen, die wie ein Echo aus der Renaissance erklingen – einer Zeit, von der sich Scarlatti musikalisch nie ganz gelöst hat. Kleine Interludien und Instrumentalkadenzen verweben diese unterschiedlichen Stile zu einem bemerkenswert originellen harmonischen Ganzen. Das umfangreichere Miserere in e-Moll verwendet eher wiederkehrende Motive, um die einzelnen Teile miteinander zu verbinden. Trotz der Dominanz des ersten Soprans findet jede der fünf Stimmen genügend Raum, sich in zum Teil virtuosenArioso-Partien auszudrücken. Die Kohärenz des Werks wird vor allem durch die wiederkehrenden Zwischenrufe des Chors mit demWort miserere hergestellt, die nicht nur als musikalischer Anker fungieren, sondern im religiösen Kontext auch das Zeichen der Reue darstellen. Auf dem Gedanken der Reue basiert auch die a cappella-Komposition Miserere mei, domine in d-Moll für 4 Stimmen, ein Graduale, das für die Liturgie des Aschermittwochs bestimmt war. Sie nimmt den Text des Psalms 56 auf, allerdings nur den ersten und vierten Vers. Obwohl Scarlattis Werk auf den ersten Blick eine nüchterne, bisweilen karge Oberfläche zeigt, erweist es sich bei näherer Analyse als Ausdruck hoher kontrapunktischer Kompetenz. Zugleich offenbart es eine für seine Zeit bemerkenswerte Modernität, die insbesondere aus der differenzierten musikalischen Darstellung von Affekten wie Reue und Buße hervorgeht. Dieses Werk ist als Codex 443 in der Accademia Filarmonica von Bologna aufbewahrt, der maßgeblichen Quelle für Scarlattis Kompositionen für die Fastenzeit und Karwoche, einschließlich seiner Motetten, Hymnen, Improperia, Gradualia und Offertorien, sechs Lamentationen und 27 Responsorien. Dieser wichtige Codex, den drei Kopisten im 18. Jh. erstellten, enthält allerdings kein einziges Originalmanuskript von Scarlatti selbst; nur die monodischen Lamentationi della Settimana Santa, wahrscheinlich Ende des 17. Jh. in neapel entstanden, werden ihm explizit zugeordnet. Die Lamentationi und Responsori della Settimana Santa, Kompositionen für die „Tage der Dunkelheit“ (Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag), folgen den Vorgaben des Konzils von Trient, nach denen daran erinnert werden soll, dass „Dunkelheit über die Erde hereinbrach“, als an Jesus die Todesstrafe vollstreckt wurde. Die stilistischen Besonderheiten, wie sie die Studien von Dinko Fabris und Benedikt Poensgen hervorheben, zeigen in der Tat deutliche unterschiede zu den Lamentationen des neapolitaners Gaetano Veneziano, die zur selben Zeit – zwischen 1680 und 1700, – komponiert wurden. Besonders die für den Karfreitag bestimmte feierliche Lesung der Secunda Feria VI in Parasceve für Solo-Sopran zeigt große Originalität in der musikalischen Ausdruckskraft. neben seinen Rückbezügen auf den stile antico zögerte Scarlatti nicht, auch die musikalischen Mittel einzusetzen, derer sich die Komponisten seiner Zeit bedienten. Der Gesangsstil ist überwiegend Marc‘ Antonio Ziani, Titelblatt Lectiones pro defunctis, Manuskript, Österreichische Nationalbibliothek Marc‘ Antonio Ziani: Lectio prima, „Parce mihi“ Sopranstimme I, Manuskript, Österreichische Nationalbibliothek 35
RkJQdWJsaXNoZXIy OTM2NTI=