Tage Alter Musik – Programmheft 2026

Üblicherweise setzte Charpentier für seine airs eine Solostimme mit oder ohne Basso continuo ein. Wenn auch die Oberstimme am häufigsten verwendet wurde, muss diese Tatsache immer im Zusammenhang mit der Stimmlage des Komponisten gesehen werden, der seine eigenen Werke selbst vortragen musste. Die literarische Vorlage kann in Strophenform abgefasst sein, während die musikalische Ausführung zwei verschiedenen Schemata folgt: entweder werden zwei Teile in ihrer Abfolge wiederholt, manchmal auch nicht, oder sie werden in Rondeau-Form vorgetragen. In jedem Fall wird aber der erste Teil immer nach dem zweiten wiederholt, wobei dieser identisch sein kann wie in Auprès du feu l’on fait l’amour oder leicht variiert wird wie in Oiseaux de ces bocages. Obwohl das double (Gesang mit vielfältigen Verzierungen) zur Zeit von Charpentier nicht mehr aktuell war, setzt er es häufig ein, so z. B. in den Couplets von Au bord d’une fontaine. In anderen Fällen begnügt er sich damit, nur die Schlussphrase auszuschmücken (wie in En vain rivaux assidus). Man darf hier auch nicht vergessen, dass jeder Interpret die Freiheit hatte, seinen Gesang nach Belieben auszuschmücken, ohne dass es dafür eine Vorlage gab. Die airs sérieux sind zarte, galante Lieder, die meistens in einer klaren Sprache mit einer einfachen, eingängigen Melodie verfasst sind, wie es dem französischen Geschmack entsprach. Gibt es etwas Einfacheres zum Mitsummen als die Melodie von Auprès du feu l’on fait l’amour oder von Ne fripez pas mon bavolet? Doch für jemanden, der vom Theater her kommt, kann es nicht ausreichen, sich auf diesen „gefälligen“ Stil des französischen Lieds zu beschränken. Sobald es um untreue oder den Tod geht, der Liebende trennt, verliert die Melodie ihre Leichtigkeit, und mit Chromatik und Dissonanzen kommt eine spannungsreiche, fast theatralische Stimmung ins Spiel, die dem Text eng folgt und sich mit metrischen Veränderungen und rhetorischen Effekten zu einem echten Opernrezitativ entwickelt. So erreichen zum Beispiel die letzten Takte von Rendez-moi mes plaisirs den Gipfel des Pathos. Die Phrase ou me donnez la mort („oder lasst mich sterben“) wird zunächst mit einer langsamen Abwärtsbewegung der Melodie in harmonischen Intervallen wiedergegeben, die in eine schöne unterbrochene Kadenz mündet, einem Dominantseptakkord mit folgendem Sekund-Anstieg im Basso continuo. Durch die Wiederholung dieses Satzes in der gleichen Harmonik und Melodik entsteht noch größere Intensität. Triste désert, sombre retraite scheint geradewegs aus einer tragédie lyrique zu stammen und trägt passenderweise den Titel Récit (Erzählung, Rezitativ). Getrieben von atemloser Dramatik steigt diese herzzerreißende Klage eines verlassenen Liebhabers in den dunkelsten und dramatischsten Tonarten, die einem Komponisten zur Verfügung stehen – c-Moll und f-Moll –, in die höchsten Höhen, sinkt in sich zusammen und zerbricht in Schweigen. In den letzten Takten nimmt die Harmonie den Weg, den Charpentier schon in Rendez-moi mes plaisirs eingesetzt hat und der für ihn das Symbol für „Tod“ darstellt, das Wort, auf das beide airs auch enden. Non, non, je ne l’aime plus ist das umfangreichste air in unserer Zusammenstellung. Es wechselt von kurzen airs mit zahlreichen Imitationen zwischen Gesang und Basso continuo zu rezitativen Passagen. Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt im letzten Rezitativ Chercher ce qu’on fuit („Suchen, was man flieht“) mit einem langen chromatischen Anstieg. Dann wird die Melodie des ersten Teils (Non, non, je ne l’aime plus) mit einem anderen Text (Non, non, je ne vante plus) wieder aufgenommen, um die veränderte Gemütslage der Person zu verdeutlichen. Dem an sich schon sehr rhythmischen Text der Stanzen des Cid mit seiner unregelmäßigen Metrik, die laut Corneille „Auflehnung, unentschlossenheit, unruhe“ ausdrücken soll, fügt Charpentier eine auf musikalischer Ebene ähnliche Stimmung hinzu, um die Gewissensnot widerzuspiegeln, in der sich Rodrigue befindet. Obwohl die drei Teile getrennt veröffentlicht wurden, sind sie alle in g-Moll geschrieben und so angelegt, dass sie mit einem Ritornell als Bindeglied aneinander anschließen. Ausgehend von einem Rezitativ in seiner strengsten Form (Deklamation auf der gleichen Tonhöhe, von langanhaltenden Bassharmonien begleitet), das aber durch Rhythmik, Wortwiederholungen, Modulationen und einer immer lebhafter werdenden Begleitung hohe Ausdruckskraft gewinnt, mündet die Vertonung in eine Arie (Que je sens de rudes combats ...), in der sich der Gesang über einem Ostinato, der sich alle fünf Takte wiederholt, in extremer unabhängigkeit entfaltet. Lange Aufwärtsbewegungen werden durch einen plötzlichen Sturz in die tiefere Lage abgebrochen, um die ausweglose Lage Rodrigues zu illustrieren. Diese Hin- und Hergerissenheit zeigt sich besonders in den letzten beiden Versen (Fautil laisser un affront impuni …?), wenn diese Verse zunächst in der hohen, dann in der mittleren Stimmlage und schließlich in umgekehrter Abfolge der Register wiederholt werden. Père, maîtresse, honneur, amour zerfällt in zwei Teile: zunächst wieder ein Rezitativ, allerdings freier und melodisch viel kühner als das der ersten Stanze; darauf folgt ein Teil in mäßig schnellem Dreivierteltakt, der an die Geschmeidigkeit einer Chaconne erinnert. Auch in Sans frayeur dans ce bois und in Ruisseau qui nourrit dans ce bois setzt Charpentier die Ostinato-Technik ein, deren Originalität vor allem darin besteht, dass sie mit fortlaufenden Achteln das Rieseln des Wassers darstellt, während der Gesang immer wieder von Pausen unterbrochen wird, um die trostlose Verzweiflung des Liebenden auszudrücken. Tage alTer Musik regensburg Konzert 9 Bal à la francoise, Almanach Royal de 1682, Bibliothèque nationale de France Im Inneren eines Palastes, im Louvre oder in den Tuilerien, tanzt der König, erkennbar an seinem Hut, mit einer jungen Frau. Das Orchester spielt im Hintergrund. Im Vordergrund steht ein Eimer zur Kühlung, der mit Flaschen gefüllt ist. Links hält eine junge Frau eine Partitur von Monsieur Charpentier mit dem Titel „Menuet de Strasbourg“. 69

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