Tage Alter Musik – Programmheft 2026

erstellten Wilhelm Friedrich Ernst Bach-Werkverzeichnisses aufnahm, also in die Gruppe von Werken zweifelhafter bzw. nicht gesicherter Echtheit. Das Werk ist herben, dunklen Charakters und knüpft in seiner experimentellen natur an Bachs fulminant-virtuose Jugendsonate in Es-Dur (BR WFEB A 1, London, 1778) an. Phasenweise zeigt der Claviersatz eine nähe zu Joseph Haydns Stil um 1790, das Ende der Variationen scheint von Friedrich Wilhelm Rust (1739–1796) und dessen früher Clavier-Sonate in g-Moll5 inspiriert worden zu sein. Carl Philipp Emanuels c-Moll-Rondo aus der 5. Sammlung für Kenner und Liebhaber (gedruckt 1784 in Hamburg) gehört zu den vortrefflichsten Solostücken fürs Fortepiano aus Bachs später Hamburger Schaffenszeit. Der rasante, aufwärts arpeggierte c-Moll-Akkord, welcher das Thema markiert, ist von beinahe Beethovenscher Initialenergie und kehrt – in teils stark variierter Form – im Verlauf des Stückes immer wieder zurück. Die Couplets sind insgesamt sanften, nachdenklichen Charakters und bilden wirkungsvolle Gegenpole zum Hauptthema und dessen Varianten. In ihnen kommen vor allem die zarten Klangfarben eines Pianofortes aus Bachs umfeld (z. B. Clavecin Royal mit verschiedenen, per Handzug zu bedienenden Registern) zur Geltung. Bemerkenswert ist die orchestrale Setzweise Bachs gegen Ende des Stückes, welche mit einer starken Zunahme an vorwärtsdrängender Energie und einem speziellen, im heutigen musiktheoretischen Sprachgebrauch als „Teufelsmühle“ bezeichneten Harmonieschema (chromatischer steigender Bass mit darüber vollzogener Akkordfolge, bestehend aus Doppeltvermindertem-, Quartsext- sowie Dominantseptakkord) einhergeht. Die Brunette „Ah, vous dirai-je, Maman“ dürfte um 1740 entstanden sein. Heutzutage ist die Melodie im deutschsprachigen Raum als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ bekannt. Die EntstehungsWilhelm Friedemann Bach: Variationen g-Moll BR WFEB YA 21, S.1 (Sammlung Kulukundis, Bach-Digital) Johann Christoph Friedrich Bach: Allegretto con XVIII Variazioni G-Dur über «Ah, vous dirai-je, Maman» Manuskript Seite eins 1 S. Forkel, Johann nikolaus, ueber Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke, Leipzig 1802, S. 44 2 Die drei Sonaten BR JCFB A 13-15 «fürs Klavier [=Clavichord] oder Piano Forte» sind wahrscheinlich im Kontext einer zweiten, bis heute kaum belegbaren Englandreise Bachs um 1788 entstanden. In einem Brief an das Verlagshaus Artaria & Co. In Wien vom 1. Oktober 1788 wirbt Bach voller Begeisterung für seine jüngsten Sonatenkompositionen und sagt, dass «[…] sie nach dem neuesten Geschmack gearbeitet sind, und bei meinem letzten Aufenthalt in London das Glück hatten, […] der Königin außerordentlich zu gefallen […]». 3 Die in Bachs Komposition angelegte Coda ist 2022 vom Verfasser mit dem Ziel einer gesteigerten Schlusswirkung erweitert worden. 4 Vor allem die seitens K. G. Horstig in einem nekrolog auf J. C. F. Bach aus dem Jahr 1797 ausführlich dargelegten Fantasie- bzw. Improvisationskünste Bachs sind Zeitzeugnisse von unschätzbarem Wert für den heutigen Clavierspieler und J. C. F. Bach-Liebhaber. 5 Hier sei auf die Einspielung des Verfassers verwiesen «Der Clavierpoet» mit Ersteinspielungen einzelner Werke F. W. Rusts (dhm/Sony, 2017) Tage alTer Musik regensburg Mai 2026 74

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