Tage Alter Musik – Programmheft 2026

Tage alTer Musik regensburg Konzert 7 Interessant ist zudem die Arie „Rolle doch nicht auf die Erde“, die schon länger in der Bach-Forschung als urform des Domine Deus aus der Messe in A-Dur (BWV 234) diskutiert wird. Für alle übrigen Sätze dieser Lutherischen Messe sind die musikalischen Vorlagen bekannt, aufgrund auffälliger Details in der Singstimme stellt auch das Domine Deus mit Sicherheit die umarbeitung einer älteren Arie dar. Grundsätzlich ist für einen einzelnen, in lateinischer Sprache komponierten Satz der nachweis einer Parodiebeziehung äußerst spekulativ, jedoch sprechen verschiedene Aspekte für einen musikalischen Bezug zum Passionsoratorium: Bachs Musik malt den „Schmerzens-Tau“ oder das „Halt doch ein“ in seiner typischen Tonsprache nicht nur überzeugend aus – vor allem ist es auch das charakteristische Eingangsmotiv (abwärtsgehender Sechszehntellauf), welche das „Rollen“ musikalisch klar verbildlicht und schon von Bach-Zeitgenossen wie Friedrich WilhelmMarpurg und Johann Gottfried Walther dezidiert als „Roulade“ bzw. „Roulement“ bezeichnet wurde. Schwieriger ist die Einordnung der Arien „Ach, wie meint es Jesus gut“ und „Es ist vollbracht“. Erstere folgt in der dichterischen Struktur dem Text eines unbekannten Verfassers, den Bach 1726 oder 1727 in der Kantate Ich bin in mir vergnügt (BWV 204/8) vertonte und die auch musikalisch gut auf den Passionstext passt – allerdings ist Bachs Handschrift von BWV 204 eine Kompositionspartitur, was eher gegen die Parodie einer bereits existierenden Passionsarie spricht. Die Arie „Es ist vollbracht“ beginnt mit einem der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz, das Bach auch in der Johannespassion in einer gleichnamigen Arie vertont hat. Zusammen mit dem Reimpartner „Welt, gute nacht“ hat Picander diesen Text auch für eine Arie in Bachs Kantate Sehet, wir geh‘n hinauf gen Jerusalem (BWV 159) wiederverwendet. Diese Arie passt dichterisch wie musikalisch sehr gut zum Text des Passionslibrettos und könnte eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Passionsarie darstellen; allerdings ist sie nur in einer Abschrift aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überliefert, sodass nähere untersuchungen zu möglichen umarbeitungen einer älteren Vorlage unmöglich sind. Auch die von Picander in die Matthäuspassion übernommenen Texte geben Rätsel auf: Die Arie „Aus Liebe“ wird im Passionsoratorium von Jesus selbst gesungen. Es spricht also dafür, dass sie nicht mit einem Sopran, sondern passenderweise mit einem Bass besetzt war und wegen des geänderten Stimmumfangs in einer tieferen Tonart gestanden haben muss. In dem zu hörenden Rekonstruktionsvorschlag wird die Arie entsprechend der Liebes- und Sterbethematik mit einer Oboe d’amore und zwei Gamben besetzt. Der Chor „Wir setzen uns bei deinem Grabe nieder“ muss – anders als der dichterisch verwandte Schlusschor der Matthäuspassion – einchörig gewesen sein. Hinweis auf eine einchörige Fassung dieses berühmten Stückes liefert wiederum Picanders Libretto für die Köthener Trauermusik. Auch wenn Bach als potenzieller Auftraggeber dieses rätselhaften Passionslibrettos in Betracht kommt, ist es unmöglich, das Passionsoratorium anhand des überlieferten Textes vollständig zu „rekonstruieren“. Mit nur zwei Chorälen und ohne die der Leipziger Praxis entsprechende unterteilung in einen vor und nach der Karfreitagspredigt erklingenden Teil scheint das Libretto eine speziell für den Abdruck in Picanders Sammelband zubereitete Textfassung zu sein. Denn Picander weicht in seinen Veröffentlichungen von Bachs vertonter Textfassung oft ab. Manchmal spielten dabei wohl Platzgründe eine Rolle, z. B. beim gekürzt publizierten Text der Köthener Trauermusik oder bei der Matthäuspassion, wo Textbestandteile anderer Verfasser (wie Choral- und Bibeltexte) konsequent weggelassen Il Gardellino 2011 bei den TAM im Neuhaussaal des Theaters am Bismarckplatz Foto: Hanno Meier RÜCK 2011 BLICK 51

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