werden. in diesem Zusammenhang ist eine 1729 vertonte Textfassung des Passionsoratoriums aus Nürnberg interessant, bei der sowohl die typische Unterteilung als auch eine größere Anzahl von chorälen auftauchen. Ob diese frühe Verbreitung des Picander-librettos speziell Birkmann zuzuschreiben ist, der aus Nürnberg stammte und dorthin nach Ende seines Studiums 1727 zurückkehrte, lässt sich angesichts der vielfachen musikalischen Bezüge zwischen leipzig und Nürnberg nicht klären. Der Nürnberger Textfassung folgend werden dem Picander-libretto als Abschluss des ersten und zweiten Teils die choräle Dein Backenstreich und Ruten frisch sowie Was schadet mir des Todes Gift? hinzugefügt: Die Melodien dieser choräle hat Bach als vierstimmige Sätze selbst vertont. in diesem Zusammenhang ist als weitere Problematik der Eingangschor des Passionsoratoriums zu erwähnen. in Picanders Textdruck von 1725 wird ein von „Zion“ (Sopran?) und „chor“ gesungenes Musikstück mit dem Textanfang „Sammlet euch, getreue Seelen“ aufgeführt, das aufgrund identischer Reimstruktur und thematischer Nähe eine Parodie des Eingangschores „Was ist, das wir leben nennen?“ aus der verschollenen Trauermusik für Prinz Johann Ernst von Sachsen-Weimar (BWV 1142) gewesen sein könnte. Da in Picanders Passionslibretto „Zion“ kein separater Gesangpart zugeteilt wird, ist fraglich, welche intention der Verfasser hier hatte. Mehrere Aspekte sprechen dafür, dass als Eingangschor auch die choralfantasie O Mensch, bewein dein Sünde groß erklang, welche die Johannespassion von 1725 eröffnet und diese damit auch besser in den choralkantatenjahrgang integriert. Die Bach-Forschung nimmt wohlbegründet an, dass diese choralfantasie sowie die meisten der nur in der 1725er Fassung der Johannespassion auftauchenden Arien auf frühere Vorlagen zurückgehen. Da sich Picander in seinem Sammelband offensichtlich auf die Veröffentlichung eigener Dichtungen fokussierte, wurde der bekannte choraltext – wie einige andere choräle – vielleicht nicht abgedruckt; stattdessen sollte die hierauf folgende Zion-Arie die Funktion des Eingangschores übernehmen. Zumindest theologisch würde sich der später auch in der Matthäuspassion wiederverwendete choral gut in das Passionslibretto einfügen, wo an keiner Stelle „Gott“ erwähnt wird, sondern die menschliche Anteilnahme am leiden Jesu im Zentrum steht. Angesichts des Fehlens näherer Quellen bleibt unklar, ob Bach das Passionsoratorium fertiggestellt oder analog zur iV. Fassung der Johannespassion abgebrochen hat. Die hier zu hörende Fassung stellt einen Versuch dar, das Passionsoratorium als Werkfragment zu rekonstruieren (chorsätze sowie zwei bis maximal vier Arien) und als konzertfassung zu vervollständigen. Für die übrigen Passionsarien wurden Stücke aus anderen kantaten Bachs bearbeitet, die in Textstruktur, Affekt und Symbolik zum PicanderText passen. Dazu wurde z. B. in der Arie „kommt heraus und geht vorüber“ die instrumentierung der Vorlage „Meine Seufzer, meine Tränen“ (BWV 13), passend zum Passionstext, geändert, der analog zum Eingangschor der Matthäuspassion die aus demAlten Testament entstammende Personifizierung Jerusalems aufgreift. Die Rezitative wurden in Bachs Secco-Stil (Evangelist) oder Accompagnato-Stil (Maria, Seele und Zion) neu komponiert, wobei die instrumentierung bei den Accompagnati theologisch-symbolisch motiviert ist: So illustriert das Streicher-Accompagnato das „Schweben“ der Seele; das aus der Matthäuspassion übernommene Accompagnato-Schema in Marias langem Rezitativ (Triolen spielende Oboen) veranschaulicht das im Blut schwimmende Herz – ein bei Picander häufig auftauchendes Bild. Bach selbst hat Passionsoratorien von seinen Zeitgenossen wie Georg Philipp Telemann oder Gottfried Heinrich Stölzel in leipzig aufgeführt und er besaß auch eine Abschrift von Georg Friedrich Händels bekannter Brockes-Passion (HWV 48). Neben dem unübersehbaren Einfluss des Hamburger Dichters Barthold Heinrich Brockes ist in Picanders Passionsdichtung auffällig, dass die Jesus feindlich gesinnten Personen (z. B. Judas, der Hohe Rat und die aufgewiegelten Volksmassen) überhaupt nicht zu Wort kommen: Die Darstellung feindseliger Affekte, des dunklen Hintergrundes von Hass und Verzweiflung hätte den Ton hingebungsvoller Jesusliebe, der das libretto durchzieht, wohl empfindlich gestört (Elke Axmacher). Es ist deswegen gut denkbar, dass Bach mit Picanders Passionsdichtung einen eigenen Beitrag zu dieser damals sehr populären Werkgattung geplant hatte. im Sinne eines künstlerischen Experiments soll die heutige Aufführung einem neuen Aspekt in Bachs Passionsästhetik nachspüren. Autor: Alexander Grychtolik Miriam Feuersinger und das Zürcher Barockorchester 2017 bei den TAM in der Basilika St. Emmeram Foto: Hanno Meier Rück 2017 Blick CD: Il Gardellino – J.S.Bach: Passionsoratorium BWV Anh. 169 Tage alTer Musik regensburg Mai 2026 52
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