Tage Alter Musik – Programmheft 2026

Das Konzert für Klarinette und Orchester Nr. 1 in f-Moll op. 73 entstand laut Webers Tagebuch zwischen dem 18. April und dem 17. Mai 1811. Die viel bejubelte uraufführung fand am 13. Juni 1811 im Münchner Redoutensaal mit Heinrich Baermann, dem ersten Klarinettisten der Münchner Hofkapelle, als Solisten statt. nach einer Konzertreise in die Schweiz kehrte Weber nach München zurück, bevor er am 1. Dezember mit Baermann, mit dem ihn schon bald eine enge und in künstlerischer Hinsicht inspirierende Freundschaft verbunden hatte, zu einer gemeinsamen Tournee aufbrach, bei der sie in Prag, Dresden, Leipzig, Gotha und Berlin unter anderem die beiden Klarinettenkonzerte aufführten. An Baermann schätzte Weber übrigens vor allem seine „vollkommene Gleichheit des Tones von oben bis unten“ sowie seinen „himlisch geschmakvollen Vortrag“ (Tagebuch 1812). Durch ihn, der im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen ein Instrument mit zehn Klappen aus der angesehenen Werkstatt von Griessling und Schlott spielte, hatte Weber in kürzester Zeit die Techniken und klanglichen Möglichkeiten eines Instruments kennengelernt, das sich im 19. Jahrhundert zunehmender Beliebtheit erfreute. Da Weber seinem Freund mutmaßlich ein exklusives Aufführungsrecht für beide Klarinettenkonzerte in f-Moll op. 73 und in Es-Dur op. 74 eingeräumt hatte, wurden diese erst 1823 bei Schlesinger in Berlin veröffentlicht. In musikalischer Hinsicht entspricht das f-Moll-Konzert zunächst durch die dreisätzige Anlage in der Folge schnell – langsam – schnell den Konventionen der Zeit. Doch vermeidet Weber bereits im elegischen Allegro-Kopfsatz mit Exposition, Durchführung, veränderter Reprise und Coda die übliche Trennung zwischen Tutti- und Soloexposition. Zugunsten einer einheitlichen Entwicklung des Satzes bestimmt der Verzicht auf den strukturbestimmenden Wechsel zwischen Orchester und Solist auch die beiden anderen Sätze, das kantable Adagio ma non troppo und das hochvirtuose Rondo-Finale in FDur. Der zweite Satz (C-Dur) überrascht insbesondere durch die Ausnutzung ungewöhnlicher Klangfarbenkombinationen: nach einem Kantilenenabschnitt der Klarinette, an den sich ein schnellerer (poco più animato), von Dreiklangsbrechungen der Klarinette geprägter Teil anschließt, stellt Weber im Es-Dur-Mittelteil der improvisatorisch wirkenden Klarinette in tiefer Lage drei tiefe Hörner con sordini mit neuer kantabler Motivik gegenüber. Der Satz klingt schließlich nach einer verkürzten Wiederholung des ersten Abschnitts mit einer Heinrich Baermann (1784–1847) gilt als einer der bedeutendsten Klarinettisten der Frühromantik. Als Hofmusiker in München begeisterte er Publikum und Komponisten gleichermaßen mit seinemwarmen Ton, seiner Virtuosität und einer für die Zeit außergewöhnlich gesanglichen Spielweise. Besonders eng war seine Zusammenarbeit mit Carl Maria von Weber, der für Baermann berühmte Klarinettenwerke schrieb – und auch Felix Mendelssohn sowie Giacomo Meyerbeer ließen sich von seinem Können inspirieren. 1832 kam es in Berlin zu einem bemerkenswerten Handel. Heinrich und sein ebenso als Klarinettist begabter Sohn Carl tauschten Musik gegen Kulinarisches: Die Baermanns versprachen Felix Mendelssohn Bartholdy eine große Portion Dampfnudeln und Rahmstrudel, imGegenzug erhielten die beiden das „Große Duett für Dampfnudel oder Rahmstrudel“ (Konzertstück für Klarinette, Bassetthorn und Klavier, Opus 113). Die Mehlspeisen und die Komposition entstanden parallel; alle Beteiligten waren dabei mit Kochschürzen und Kochmützen gekleidet. Einige Tage später wiederholten sie diesen Tausch, und so entstand – wie Carl Baermann 1882 in seinen Erinnerungen eines alten Musikanten berichtet – auch das Konzertstück Opus 114. Carl Baermann komponierte vermutlich um die Jahrhundertmitte für Webers erstes Klarinettenkonzert eine virtuose Kadenz mit Orchesterbegleitung, die im ersten Satz bei Takt 143 eingefügt werden kann. Bei der Aufführung im Rahmen der Tage Alter Musik Regensburg wird diese Kadenz erklingen, auch wenn es sich um eine spätere Hinzufügung handelt – sie ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil der Aufführungstradition geworden und zu gut gemacht, um sie einfach zu streichen. Carl Baermanns nachträglich ergänzte dynamische, artikulatorische und musikalische Anweisungen spiegeln jedoch den Geschmack der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und nicht unbedingt die Spielweise seines Vaters Heinrich wider. Es ist daher sinnvoll, sich behutsam derjenigen Fassung zu nähern, die Weber ursprünglich geschaffen hat. Autor: Ernst Schlader Heinrich Joseph Baermann, Druckgrafik 1829, Bildarchiv Stadtmuseum München Tage alTer Musik regensburg Konzert 1 Felix Mendelssohn Bartholdy, 1833 von Eduard Magnus (1799-1872) 11

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