Tage Alter Musik – Programmheft 2026

zum Programm: Polyphonic Postcards – Musik aus europas bedeutendsten Städten der renaissance Die Städte der europäischen Renaissance wetteiferten nicht nur in der Pracht ihrer Architektur und im Glanz ihrer bildenden Kunst, sondern auch in der Vielfalt und dem Reichtum ihrer Musik. unser Programm versammelt musikalische „Postkarten“ aus sechs dieser großen Zentren, wobei die jeweiligen Daten so gewählt wurden, dass sie die Städte auf dem Höhepunkt ihrer kulturellen Blüte zeigen. Wer ist der Autor unserer Postkarten? Wir könnten uns einen Engländer auf Reisen vorstellen: einen Botschafter, einen Geschäftsmann, einen Spion – oder vielleicht alles zugleich. Hätte er sich Anfang der 1530er-Jahre aus dem London Heinrichs VIII. aufgemacht, so hätte er am reich geschmückten Schrein des heiligen Thomas Becket in Canterbury beten können, ehe er nach Dover weiterreiste – wo der junge Thomas Tallis Organist am Benediktinerpriorat war – und von dort mit dem Schiff in den englischen Hafen Calais übersetzte. Doch nur wenige Jahre später hätte sich die Reise ganz anders dargestellt: Heinrichs berüchtigter Minister Thomas Cromwell ließ das Priorat 1535 auflösen und den Schrein 1538 zerstören. Auch Calais ging 1558 verloren; noch im selben Jahr sagte die sterbende Königin Maria ihren Hofdamen: „Wenn ich tot bin und man mich aufschneidet, wird man Philipp und Calais in meinem Herzen eingraviert finden.“ Tallis’ Karriere blühte trotz dieser religiösen und politischen Turbulenzen. Einige seiner besten Werke schrieb er für die vereinten Kräfte von Marias königlicher Kapelle und der Capilla Flamenca ihres Gemahls Philipp II. von Spanien – darunter die festliche Pfingst - antiphon Loquebantur variis linguis. Es wurde vermutet, dass der Text („in verschiedenen Sprachen verkündeten sie“) eine mürrische Anspielung auf die Schwierigkeiten der Arbeit mit einem vielsprachigen Chor sei – er könnte unseren imaginären Reisenden aber ebenso gut daran erinnern, sich gute Dolmetscher zu besorgen! unsere erste Postkarte kommt aus Paris – einer florierenden universitätsstadt, die im frühen 16. Jahrhundert durch die Rückkehr der französischen Könige von der Loire neues Selbstbewusstsein gewann. Pierre Moulu (um 1484–um 1550) stand vermutlich in Verbindung zum Hof; der Text seines Mater floreat enthält eine lange Liste von Komponisten, von denen viele in Paris tätig waren. Das Werk wurde möglicherweise 1517 zur feierlichen Ankunft der Gemahlin von König Franz I., Königin Claude, in Paris aufgeführt. Das prägendste musikalische Genre des Pariser Renaissancelebens war die weltliche Chanson. Weniger kontrapunktisch als ihre flämischen und burgundischen Vorläufer, schöpfte sie aus der eleganten Dichtung Clément Marots – etwa in Claudin de Sermisys (um 1490–1562) anmutigem Tant que vivray, dessen schlichte Struktur den Sängern große Möglichkeiten zur Textausdeutung lässt. Clément Janequin (um 1485–1558) wiederum wurde berühmt für seine programmatischen Chansons, die Schlachtenlärm, Vogelgesang oder – in Les cris de Paris – das Stimmengewirr eines Pariser Marktes nachahmen. Kaum ein anderes Werk ruft die Atmosphäre von Zeit und Ort so plastisch hervor wie dieses, wenn die konkurrierenden Rufe und „mots justes” der Straßenhändler zwischen den Stimmen widerhallen. 1503 erhielt Sevilla das Handelsmonopol mit „Las Indias” – Spaniens Besitzungen in Amerika. Ein Jahrhundert lang herrschte am ufer des Guadalquivir geschäftiges Treiben, wenn die Flotten mit Edelmetallen und exotischen Waren zurückkehrten und Kaufleute aus ganz Europa die Stadt bevölkerten. Der neu gewonnene Ruhm zeigte sich in einer Fülle von Bauprojekten, darunter die Vollendung und reiche Ausschmückung der Kathedrale, deren musikalische Tradition ebenso prunkvoll war. Francisco Guerrero (1528–1599) wirkte fast sein ganzes Leben an der Kathedrale von Sevilla. Sein Ave virgo sanctissima steht beispielhaft für seinen leidenschaftlichen Stil und wird von einem Kanon zwischen den beiden höchsten Stimmen gekrönt. Alonso Lobo (1555–1617), einst Chorknabe unter Guerrero, übernahm zu Beginn des 17. Jahrhunderts dessen Amt; seine üppige Motette O quam suavis erklang während der Eucharistie. Doch nicht alle spanische Kirchenmusik war so prunkvoll und andächtig: volkssprachliche Villancicos ersetzten an hohen Festtagen – besonders an Weihnachten und Epiphanias – häufig die lateinische Musik. Das sanft wiegende Niño Dios d’amor herido zeigt Guerreros Meisterschaft auch in diesem gefälligen Genre. unsere nächste Postkarte stammt aus München, das 1506 Hauptstadt des vereinten Tage alTer Musik regensburg Konzert 18 Thomas Tallis (ca. 1505-1585) von Niccolo Francesco Haym (1700) Francisco Guerrero (1528-1599), Porträt von Francisco Pacheco (1564–1644) aus dem Buch „El libro de descripción de verdaderos retratos, ilustres y memorables varones” [Sevilla, o. O., o. J.] – Königliche Akademie für Geschichte (Madrid). Signatur: 1/736 117

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