Tage Alter Musik – Programmheft 2026

Tage alTer Musik regensburg Konzert 7 Hier kommt nun Picanders rätselhaftes Passionslibretto ins Spiel, das Zeugnis eines von Bach aufgegebenen Passionsprojekts sein könnte. Es wäre immerhin kein Einzelfall in seiner Leipziger Schaffenszeit gewesen: Auch eine von Bach um 1739 geschriebene, abgebrochene Partitur der Johannespassion (BWV 245.4) wird als Beleg für ein aufgegebenes Kompositionsvorhaben angesehen, das mit einem am 17. März 1739 dokumentierten Ereignis in Verbindung gebracht wird: An diesem Tag erfährt der Thomaskantor, dass die „ordentliche Erlaubniß“ zur Aufführung der Passionsmusik am bevorstehenden Karfreitag (27. März) nicht erteilt wird. Sein Einwand, „wenn etwa ein Bedencken wegen des Textes gemacht werden wolle, so wäre solcher schon ein paar mahl aufgeführet worden“, ist einer der wenigen Hinweise auf die damals übliche Textzensur, über deren Ablauf nichts Genaueres bekannt ist. Ob dafür das Konsistorium, die theologische Fakultät oder andere Personen verantwortlich waren – der als freie Dichtung und stark verkürzt wiedergegebene Evangelienbericht sowie die äußerst bildhafte Sprache (z. B. in den Rezitativen und Arien der Seele) hätten genügend Vorbehalte gegen Picanders Passionslibretto geliefert und eine Aufführung kurzerhand unterbinden können. Immerhin war der Brauch, in der Leipziger Thomaskirche zu Karfreitag einen der vier Evangelienberichte als Passionsmusik darzubieten, erst 1721 unter Bachs Vorgänger Johann Kuhnau eingeführt worden, und eine Abweichung von dieser neuen Praxis hätte zum Politikumwerden können. Verhörprotokolle, die sich auf die Passionsaufführung von 1724 beziehen, belegen, dass der Kommunikationsfluss zwischen dem Thomaskantor und seinen Vorgesetzten nicht ideal war und auch sehr kurzfristige Anweisungen erteilt wurden; insofern wäre Bachs schnelles umschwenken auf ein bereits bewährtes Werk kein unrealistisches Szenario gewesen. Auch in späteren Kantaten (BWV 19 und 148) hat Bach auf Dichtungen aus Picanders Sammelband zurückgegriffen – entweder wörtlich oder frei abgewandelt. Dafür, dass er auch eine Vertonung des Passionsoratoriums geplant haben muss, sprechen die spezifische Qualität der Dichtung, die spätestens Anfang 1725 beginnende Zusammenarbeit mit Picander sowie kompositorisch-musiksymbolische Beobachtungen. Von den sechs vielerorts angeführten Textstellen, die Picander aus dem Passionslibretto später in die Matthäuspassion (BWV 244.1) übernahm, folgen die Arie „Aus Liebe“ und der Chor „Wir setzen uns“ demMuster einer dichterischen Parodie, was analog z. B. zur Köthener Trauermusik (BWV 1143) auch eine musikalische Verwandtschaft nahelegt. Vor allem die frühste nachweisbare Zusammenarbeit mit dem damals 25-jährigen Picander fällt in den fraglichen Zeitraum und spricht dafür, dass der Thomaskantor – und nicht ein Leipziger Kollege – Auftraggeber des Passionslibrettos war: Bach hatte am 23. Februar in Weißenfels die Schäferkantate (BWV 249.1) zumGeburtstag von Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels aufgeführt, deren Libretto von Picander stammt. Gerade fünf Wochen später erklang dieses Werk in Leipzig in einer Parodiefassung als Osteroratorium (Frühfassung BWV 249.3): Auch hier gibt es kaum Zweifel an der dichterischen urheberschaft Picanders. Der Dichter muss Bachs Vorbereitungen der anstehenden Passionsmusik auf jeden Fall mitbekommen haben, zumal er wiederum den drei Jahre jüngeren Theologiestudenten Christoph Birkmann gut kannte, der sich später als Mitverfasser des Librettos der Johannespassion von 1725 ausgab. nicht nur entstehungszeitlich, sondern auch formal passt das Passionsoratorium zum Osteroratorium, denn in beiden Werken wird der biblische Inhalt nicht wörtlich, sondern in freier Dichtung im Stil einer Kantate wiedergegeben: Diese Beobachtung entspricht Bachs systematischem Ansatz, den er beim Choralkantatenjahrgang verfolgte. Markiert das wohl für Karfreitag (30. März) vorgesehene Passionsoratorium gar den eigentlichen Abbruch des Choralkantatenjahrgangs, dessen letzte fertiggestellte Kantate wenige Tage zuvor, am 25. März zu Mariä Verkündigung, erklang? Die bislang identifizierten Textverfasser zeigen, dass Bach vor allem junge, kooperative Dichter suchte, die seine kompositorischen Vorgaben erfüllten. Gerade in seinen ersten Leipziger Jahren hat er mit sehr unterschiedlichen Librettisten zusammengearbeitet – immer auf der Suche nach einem passenden Textlieferanten für das nächste anstehende Kompositionsprojekt. Dabei komponierte Bach nachweislich sehr schnell, und die Werke wurden oft erst kurz vor der Aufführung fertig. Dass auch Picanders Passionslibretto kurzfristig entstanden sein muss, legt die besondere Publikationsform nahe. In Form und umfang fällt es innerhalb des Sammelbandes nämlich völlig aus dem Rahmen: Wird jedem Sonn- bzw. Feiertag im Kirchenjahr ein maximal acht Seiten umfassendes Erbauungsgedicht gewidmet (außer dem 13. Sonntag nach Trinitatis mit 10 Seiten), so füllt das Passionsoratorium ganze 14 Seiten, mit genauer Angabe der musikalischen Einzelsätze. Picander stellt dem Libretto sogar eine eigene Titelseite mit der merkwürdigen Jahresangabe „1725“ voran. Die der traditionellen Formulierung folgende Überschrift Erbauliche Gedancken auf den Grünen Donnerstag und Charfreitag über den Leidenden Jesum greift den Gesamttitel des Sammelbandes wieder auf: ein offensichtlicher Versuch, den formalen Bruch zum Rest des Werkes etwas abzumildern. Mit einer Veröffentlichung des Passionslibrettos bestand immerhin die Möglichkeit, es z. B. anderen Komponisten zur Verfügung zu stellen. So sind Vertonungen ab 1729 aus nürnberg sowie für die Mitte des 18. Jahrhunderts aus Augsburg und Dresden bekannt. Esteban Bartolomé Murillo, Ecce homo (ca. 1670) 49

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