Tage alTer Musik regensburg Konzert 2 – wobei sie nur an Vieh und Ernte denken. Doch in der Stunde des Sieges und der Einlösung des Versprechens antwortet der Gott auf die Opfergaben – der ewigen Ironie des Schicksals folgend – mit einer Hungersnot. Die Sabiner erkennen nun, dass die Kiefer des faor („Spruch, Vorherbestimmung“; das altlateinische Wort für fatum, Schicksal) sie zermalmen werden. Das „Sprechen“, das das unendliche universum auf die Größe der menschlichen Sprache zurechtstutzen will, muss seine Ohnmacht erkennen. Denn, „was geboren wird“, beinhaltet in den Ohren des Gottes auch die Kinder der Menschen. Die Sabiner erkennen ihre Hybris und akzeptieren den Hinweis des Gottes. Allerdings töten sie ihre Kinder nicht, um sie dem Gott zu opfern, sondern weihen sie ihm, d.h. sie stellen sie unter seine Obhut und erziehen sie abgetrennt von den anderen (ursprünglich bedeutet sacer facere „absondern und einer besonderen Bestimmung zuführen“). Als diese Kinder herangewachsen waren, wurden sie weggeschickt, um neues Land zu finden und ein neues Volk zu gründen. So entstanden unter den wohlwollenden Augen des Kriegsgottes die Samniten. Der Ritus des ver sacrum (des „heiligen Frühlings“) war geboren. Das Opfermesser hat kein Fleisch verletzt, es hat abgesondert und geweiht und damit neues Leben erschaffen. In der Erkenntnis und dem Akzeptieren unserer Ohnmacht angesichts der unbegreiflichkeit des universums und des unerbittlichen Kreislaufs von Leben und Tod kann also eine Form der Transzendenz entstehen, die in unser Genom eingeschrieben ist: der Sinn für das Heilige, das Besondere im ursprünglichen Sinn. Printemps sacré bedeutet für mich HIC SACER („hier ist der geweihte Ort“). Dies sind nämlich die Worte, die ich in Großbuchstaben über dem Eingang zum Chor des Klosters von Saorge las und die mich so tief berührten, dass ich unser Programm unter dieses Motto stellen wollte. Printemps sacré erzählt einen Weg ohne Wiederkehr, zwischen Vergangenheit und Zukunft, die Wahrnehmung einer „Katastrophe“, die einen jähen und völligen Wandel der derzeitigen Situation bedeutet. Es ist das Aufgeben eines vorherigen Zustands, das allein eine Zukunft ermöglicht. Es geht um die ewige Abfolge von Leben, Tod und Wiedergeburt, die unseren Körpern seit urzeiten eingeschrieben ist. Dieses Programm entstand 2021 an der Schnittstelle zweier Ereignisse: das erste betraf uns alle, die weltweite Pandemie, das zweite traf mich persönlich im Zusammenhang mit dem ersten: der Verlust meiner Stimme. Das aber führte zu meiner Wiedergeburt, und zwar auf der anderen Seite des notenpults. Für mich und das Ensemble Irini markiert Printemps sacré einen Wendepunkt und Richtungswechsel, einen Sprung ins unbekannte, weg vom bisherigen Gesangstrio hin zur Chorleitung. Für uns alle ist es eine neue Erfahrung, quasi eine neugeburt nach so manchen Wehen. Doch gemeinsam haben wir es geschafft. Leben –tod – (Wieder-)Geburt In einem A-Capella-Chor zu acht Stimmen erzählt das Ensemble Irini, demAriadnefaden folgend, in drei Akten eine sogenannte „Bildungsreise“, von der Krise bis zur Resilienz, der Wiedergeburt. Entstanden in den Zeiten der Verunsicherung, zwischen Epidemien, Klimawandel, Krieg und identitären Verbiegungen will Printemps sacré Hoffnung bringen mit einer Ode an das Leben, die Freude und die Hoffnung! unsere allegorische Erzählung folgt zwei gebrochenen Schicksalen: Auf der einen Seite steht ein außergewöhnlicher Komponist: Heinrich Isaac (1450-1517), ein Genie der franko-flämischen Schule, Zeitgenosse von Josquin Desprez, Erbe von Dufay und Binchois, der die Schrecken des Krieges kannte und das Zusammenbrechen seiner Welt durch die umwälzungen unter Savonarola, den Fall des Hauses der Medici, ein langes Exil und schließlich die ersehnte Rückkehr in sein geliebtes Florenz am Ende seines Lebens. Auf der anderen Seite steht als Spiegelbild: ein ständig von Kriegen und Invasionen erschüttertes Land, dessen musikalisches Erbe – allein schon durch seine Existenz ein Akt der Rebellion – erst vor kurzem von der unESCO gewürdigt wurde. In dieser Dialektik von Zerfall und Entstehung finden also die außergewöhnliche Musik von Heinrich Isaac, diesem Genie der italo-flämischen Renaissance, und die liturgischen Gesänge Georgiens ihren Widerhall. Ein Mann und ein Land zu Beginn des 16. Jahrhunderts, beide gekennzeichnet von Exil, Trennung, dem Zerfall ihrer Welt; beide haben das Leben wie eine transzendentale Vereinigung von Mensch, natur und Himmel gefeiert! Der Bogen eines Menschenlebens erstreckt sich zwischen Eros und Thanatos, vom Hohelied bis zu den Totengesängen der georgischen Liturgie, bis zum Grab von Lorenzo de’ Medici. Die Annäherung zwischen diesen beiden universen geschieht über den Begriff der Polyphonie, ihrer vertikalen Ausrichtung im Zusammenklang und ihrer horizontalen Ausrichtung in der Melodieführung. Die georgischen geistlichen Gesänge sind tatsächlich die einzigen in der orthodoxen Welt, die originär polyphon, aber homorhythmisch sind, während sich in der griechischen und russischen Orthodoxie die Begleitung der Melodie anpasst oder die Melodie harmonisch begleitet wird wie in den Madrigalen der Renaissance. Wenn jede Stimme in den Motetten mit cantus firmus (durchgehend oder auf die einzelnen Stimmen verteilt) eine eigene melodische Existenz hat und die musikalische Struktur auf einer gegebenen Melodie fußt, besteht die intellektuelle und künstlerische Meisterschaft darin, Ebenen von außergewöhnlicher Komplexität zusammenzuführen (von den isorhythmischen Tenorstimmen von Dufay bis hin zu den quasi-mathematischen Kunststücken von Ockeghem) und sie in einer harmonischen Struktur zu vereinen. Lila Hajosi Foto: Luca Concas 15
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